„Werden sie dort bleiben?“
„Ich weiß nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die Wirtin hat heute gesagt, ich hörte es, daß sie ihr kündigen will; Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, daß sie auch selbst keinen Augenblick länger dort bleiben will.“
„Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?“
„Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehören zueinander,“ Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel böse wird. „Ja, was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun?“ fragte sie, sich ereifernd und erregt. „Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr Verstand ist gestört, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestört; bald regt sie sich wie ein Kind darüber auf, ob morgen auch alles anständig sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hände, speit Blut, weint und schlägt die Stirne gegen die Wand aus lauter Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, – sagt, daß Sie ihr ein Helfer sein werden und daß sie bei irgend jemand Geld leihen und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine Pension für junge Mädchen aus guter Familie errichten, mich als Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schönes Leben soll für uns beginnen; sie küßt mich, umarmt und tröstet mich und glaubt fest an die Ausführung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Träume. Kann man ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, säuberte und besserte heute den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Kräften eine Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei außer Atem und fiel auf das Bett hin. Wir sind heute am frühen Morgen mit ihr in den Läden gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hübsche Stiefelchen ausgesucht, denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in dem Laden, in Gegenwart der Verkäufer, zu weinen an, da das Geld nicht ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.“
„Dann ist es begreiflich, daß Sie ... so leben,“ sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln.
„Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh?“ fuhr Ssonja wieder fort. „Ich weiß doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben, ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wüßten, oh, Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gereizt! In der vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!“
Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hände, während sie sprach.
„Sie wollen grausam sein?“
„Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin,“ fuhr sie weinend fort, „als der Verstorbene zu mir sagte, ‚lies mir vor, Ssonja,‘ sagte er, ‚mein Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch‘, er hatte irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, ‚ich muß gehen‘, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen ihr sehr. ‚Schenk sie mir, Ssonja,‘ sagte sie, ‚bitte schenk sie mir.‘ Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, – wer weiß, wie viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, – sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich gebeten, – so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie wegzugeben. ‚Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna‘, sagte ich, so direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen, sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist dies doch gleichgültig!“
„Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?“