„Würde sie dies ertragen können oder nicht?“ – fügte er nach einigen Minuten hinzu. – „Nein, sie würde es nicht ertragen können; eine solche Natur nicht ...“
Er dachte an Ssonja.
Vom Fenster kam eine kühle Luft. Draußen war es nicht mehr hell. Er nahm seine Mütze und ging hinaus.
Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschütterungen konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorläufig noch aufrecht und bei Bewußtsein hielten.
Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemächtigen. Es war kein bohrender oder brennender Schmerz; etwas Beständiges oder Bleibendes aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem „ellenbreiten Raume“. In den Abendstunden war dieses Gefühl stärker und peinvoller.
„Und mit diesen dummen, rein physischen Schwächen, die vom Sonnenuntergang abhängen konnten, soll man sich vor Dummheiten hüten! Da läuft man dann nicht bloß zu Ssonja hin, auch zu Dunja!“ – murmelte er haßerfüllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um; Lebesjätnikoff eilte auf ihn zu.
„Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor, sie hat wirklich ihre Absicht ausgeführt und die Kinder mitgenommen. Ich habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne, und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie bleiben an Straßenecken und vor Läden stehen. Das dumme Volk läuft ihnen nach. Wir wollen hingehen!“
„Und Ssonja?“ – fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjätnikoff nach.
„Sie ist ganz außer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina Iwanowna ist außer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist außer sich. Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelöst. Ich sage Ihnen, sie ist vollkommen verrückt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie können sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind sie am Kanal bei der N.schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja Ssemenownas Wohnung.“
Am Kanal, nicht weit von der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung Ssonjas entfernt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Besonders Knaben und Mädchen liefen hin. Von der Brücke aus konnte man die heisere, überanstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hören. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, fähig, das Straßenpublikum zu fesseln. Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatsächlich ganz außer sich. Dabei war sie müde und rang nach Atem. Ihr abgehärmtes schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus; außerdem sieht ein Schwindsüchtiger draußen im Sonnenlicht stets kränklicher und mehr entstellt aus als zu Hause, – ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende, sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald stürzte sie sich auf die Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Straße in Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen zu erklären, warum dies nötig sei, geriet in Verzweiflung, daß sie nicht begreifen wollten, und schlug sie ... Dann stürzte sie wieder ins Publikum, – wenn sie einen einigermaßen besser gekleideten Menschen entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie sich sofort, ihm zu erklären, daß es so weit, – mit – den Kindern „aus einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause,“ gekommen war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hörte, wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten. Einige lachten darüber, andere wieder schüttelten die Köpfe; aber allen war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjätnikoff erwähnt hatte, war nicht da; Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Händen, wenn sie Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlaßte. Sie fing selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem quälenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt, fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straßentänzer und Gaukler. Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Stoff, damit er einem Türken ähnle. Für Lene reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte nur ein rotes, gestricktes Käppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch auf dem Kopfe und an dieses Käppchen war eine abgebrochene Straußfeder befestigt worden, die noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstück, im Koffer aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewöhnlichen Kleidchen. Sie blickte schüchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer Seite, verbarg die Tränen, ahnend, daß die Mutter wahnsinnig geworden sei, und sah unruhig um sich. Die Straße und die Menschenmenge hatten sie äußerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina Iwanowna aber blieb unerbittlich.