„Höre auf, Ssonja, höre auf!“ – schrie sie hastig, außer Atem und hustend. – „Du weißt selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich zu dieser vertrunkenen Deutschen nicht zurückkehren will. Mögen alle, ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist, betteln gehen müssen.“ – Katerina Iwanowna hing schon an dieser Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. – „Mag es nur dieser schändliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, – was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es!“ – rief sie aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und stürzte zu ihm hin, – „erklären Sie bitte dieser dummen kleinen Person, daß wir nichts klügeres tun konnten! Sogar Leierkastenmänner verdienen, bei uns aber werden alle bemerken und erfahren, daß wir eine arme feine Familie und Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder will ich zeigen und sagen: – ‚Schütze sie, Vater!‘ Er ist der Vater aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen, Sie werden es sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! Tenez vous droite![11] Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er heult wieder! Nun, warum fürchtest du dich, Dummköpfchen! Oh, Gott! Was soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wüßten, wie unvernünftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...“
Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte, ununterbrochen und unaufhörlich zu reden, – auf die schluchzenden Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu überreden, nach Hause zu gehen und sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, daß es für sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straßen umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer Pension für junge Mädchen aus besseren Ständen ...
„Einer Pension für junge Mädchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut lügen – sagt das Sprichwort!“ – rief Katerina Iwanowna aus; nach dem Lachen überfiel sie ein starker Husten, – „nein, Rodion Romanowitsch, der Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen, – es stand gerade eins da, im Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfaß an den Kopf und lief davon. Oh, gemeine, niederträchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will selbst die da füttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie genug gequält!“ – und sie wies auf Ssonja. – „Poletschka, wieviel haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh, schändliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns bloß mit ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz?“ – sie zeigte auf einen in der Menge. – „Das kommt alles daher, weil Kolja so einfältig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka? Sprich mit mir französisch, parlez moi français[12]. Ich habe dich doch gelehrt, du kennst doch einige Sätze! ... Wie kann man denn erkennen, daß ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straßen, wir wollen eine schöne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was wir singen sollen, – etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn alles machen wir, Sie können es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen. Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der höchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt das Lied ‚Die Troika‘ ... Aber das kann man doch nicht immerwährend singen, die ganze Welt singt es ja! Wir müssen etwas viel Besseres singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du könntest doch der Mutter helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach, wollen wir doch französisch ‚Cinq sous‘[13] singen! Ich habe es euch doch gelehrt! Und da es französisch ist, werden alle sofort sehen, daß ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rührender ... Wir könnten sogar ‚Malbrough s’en va-t-en guerre![14]‘ singen, da es ein ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Häusern gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.“
Malbrough s’en va-t-en guerre
Ne sait quand reviendra ...[14]
begann sie zu singen ... „Nein, es ist besser ‚Cinq sous![13]‘ Nun, Kolja, stemme die Händchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene, drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka singen und in die Hände klatschen!
Cinq sous, cinq sous
Pour monter notre ménage ...[15]
Kche–kche–kche!“ (Und sie krümmte sich vor Husten.) „Bring dein Kleid in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblößt,“ bemerkte sie, zwischen dem Husten atemholend. – „Ihr müßt euch jetzt besonders anständig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, daß ihr adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, daß man die Taille länger und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen Ratschlägen, Ssonja, – es kürzer und kürzer zu machen, nun jetzt siehst du, ist das Kind völlig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, – ach, wie dies Kind unerträglich ist! ...
Cinq sous, cinq sous –[13]