„Was hat er denn da umgewickelt!“ rief die Alte ärgerlich aus und machte eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment länger durfte verloren gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum daß er sich dessen bewußt war, mit beiden Händen empor und ließ es fast ohne Anstrengung, fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die Kräfte.
Die Alte war wie immer barhäuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dünnen Haare, wie gewöhnlich fettig geölt, waren in rattenschwanzartige kleine Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der auf ihrem Hinterkopfe saß, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber sehr leise, ihre beiden Hände gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand hielt sie das „Versatzstück“ fest. Da schlug er aus aller Kraft ein zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer gegen den Scheitel. Das Blut strömte hervor wie aus einem zersprungenen Glase, und der Körper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat einen Schritt zurück, ließ den Körper liegen und beugte sich über ihr Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren verzogen und krampfhaft verzerrt.
Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, daß er sich mit dem fließenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande, Verdüsterungen und Schwindel fühlte er nicht mehr, aber die Hände zitterten immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu beschmutzen ... Die Schlüssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie damals an einem Schlüsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer großen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein großes Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie seltsam, kaum begann er die Schlüssel an der Kommode zu probieren, kaum hörte er ihr Rascheln, da kam der Krampf über ihn. – Er bekam wieder Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen Augenblick; es war zu spät, fortzugehen. Er lächelte sogar über sich selbst, als plötzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen Kopf fuhr. Ihm däuchte plötzlich, daß die Alte vielleicht noch lebe und zu sich kommen könne. Er ließ die Schlüssel fallen, lief zurück zu der Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal über die Alte, ließ es aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er sich über sie beugte und sie wieder in der Nähe betrachtete, sah er deutlich, daß der Schädel zerschmettert und sogar ein wenig nach der Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befühlen, aber er riß die Hand zurück; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine ganze Pfütze Blut zusammengelaufen. Plötzlich bemerkte er an ihrem Halse eine Schnur, er riß daran, aber die Schnur war stark und ließ sich nicht zerreißen, außerdem war sie mit Blut durchtränkt. Er versuchte sie so unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest. Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben über den Körper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit großer Mühe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne mit dem Beile den Körper zu berühren, wobei er aber seine Hände und das Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt – an der Schnur hing ein Beutel. Außerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Sämischleder mit einer stählernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn näher zu betrachten, in die Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das Beil auch mit und stürzte in das Schlafzimmer zurück.
Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlüssel und versuchte sie von neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paßten nicht für die Schlösser. Nicht, weil seine Hände zitterten, aber er irrte sich immer; er sah zum Beispiel, daß es nicht der richtige Schlüssel war, daß er nicht paßte, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Plötzlich dachte er daran und es leuchtete ihm ein, daß dieser große Schlüssel mit dem zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing, gar nicht zu der Kommode gehörte (wie es ihm schon vorigesmal in den Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehören mußte, und daß in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verließ die Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen gewöhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand darunter eine ziemlich große Truhe, ungefähr ein Meter lang, mit einem halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlüssel paßte und schloß die Truhe auf. Oben, unter einem weißen Laken, lag ein mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand Kleidungsstücke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hände an dem roten Stoff abzuwischen. „Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht so auffallend,“ dachte er und plötzlich kam er zu sich. „Mein Gott! Verliere ich den Verstand?“ sagte er sich erschreckt.
Kaum aber hatte er die Lumpen angerührt, als plötzlich unter dem Pelze eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstücken waren in der Tat goldene Sachen untergebracht – wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte oder nicht ausgelöste Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen mehr. Manche Pfänder waren in Futteralen, andere wieder einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfältig in doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnürt. Ohne einen Moment zu zögern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den Sachen zu füllen; er untersuchte nicht und öffnete nicht die Pakete und die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...
Denn plötzlich hörte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er ließ das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber ruhig, also hatte er nur geträumt. Aber da hörte er deutlich einen leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen stöhnte und darauf schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem, plötzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.
Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem großen Bündel in der Hand und sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war weiß wie Linnen und schien außerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine Hand, öffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen, ihm unverwandt ins Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft mangele. Er stürzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen sich so kläglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas fürchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich anschicken zu schreien. Diese unglückliche Lisaweta war so einfältig und so völlig eingeschüchtert, daß sie nicht einmal ihre Hände erhob, um das Gesicht zu schützen, obwohl das doch die unwillkürlichste und natürlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, während das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag traf direkt den Schädel mit der scharfen Seite des Beiles und durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zur Schläfe. Sie stürzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die Fassung, er ergriff ihr Bündel, warf es wieder hin und lief in das Vorzimmer.
Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in diesem Augenblicke imstande gewesen wäre, klarer zu sehen und zu denken, wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung, den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation hätte vorstellen können und dabei verstanden hätte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch Verbrechen er noch überwinden und vollbringen mußte, um von hier loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann hätte er wahrscheinlich alles im Stiche gelassen und wäre sofort hingegangen und hätte sich selbst gestellt; und er hätte es nicht aus Furcht getan für seine Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt würde er jetzt zu der Truhe oder in das Zimmer zurückgegangen sein.
Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmählich über ihn; einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich in Kleinigkeiten und vergaß die Hauptsache. Als er übrigens einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hände und das Beil abzuwaschen. Seine Hände waren blutig und klebten. Das Beil steckte er mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stück Seife, das auf dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im Eimer selbst seine Hände zu waschen. Nachdem er die Hände gereinigt hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange, gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit Wäschestücken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das Holz war noch feucht. Er steckte sorgfältig das Beil in die Schlinge unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel, soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Küche erlaubte. Beim ersten Blick schien man außen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren Flecken. Er machte einen Lappen naß und wischte die Stiefel ab. Er wußte übrigens, daß er nicht gut sehen konnte, daß es vielleicht etwas in die Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken, stand er mitten im Zimmer. Ein quälender dunkler Gedanke erstand in ihm – der Gedanke, daß er den Verstand verliere, und daß er in diesem Augenblicke weder denken noch sich verteidigen könne, daß vielleicht gar nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...
„Mein Gott! Ich muß fort, fort!“ murmelte er und stürzte in das Vorzimmer. Aber hier erwartete ihn ein Schrecken, wie er ihn sicher noch nie erlebt hatte.