Die Zeit verrann, eine Minute nach der andern ging vorüber, niemand kam. Koch begann unruhig zu werden.
„Zum Teufel noch einmal! ...“ rief er plötzlich aus, und voll Ungeduld verließ er seinen Posten, ging die Treppe eilig hinab, und stapfte fest auf.
„Mein Gott, was ist nun zu tun!“ Raskolnikoff hob den Haken ab, öffnete ein wenig die Türe, es war nichts zu hören, er trat plötzlich vollkommen gedankenlos heraus, zog die Türe hinter sich möglichst dicht zu und ging hinab. Er war schon drei Treppen hinabgestiegen, als plötzlich unten ein starker Lärm hörbar wurde, – wohin sich wenden? Er konnte sich nirgends verstecken und wollte schon zurück in die Wohnung laufen.
„He Teufel! Halt!“
Mit einem Schrei stürzte jemand unten aus einer Wohnung heraus und lief so schnell hinunter, daß er die Treppe beinahe hinunterzufallen schien.
„Mitjka, Mitjka! Mitjka! Mitjka! Mitjka! Hol dich der Kuckuck!“
Der Schrei endete mit Kreischen; die letzten Töne hörte man schon vom Hofe her; alles wurde still. Aber im selben Augenblick begannen ein paar Menschen, die laut und schnell sprachen, geräuschvoll die Treppe hinaufzusteigen, vielleicht drei oder vier. Raskolnikoff unterschied die helle Stimme des jungen Mannes.
„Das sind sie.“
In größter Verzweiflung ging er ihnen direkt entgegen, – mochte nun kommen, was wollte. Wenn sie ihn anhielten, war alles verloren, wenn sie ihn vorbeiließen, war auch alles verloren, – denn sie werden ihn wiedererkennen. Sie kamen bedenklich näher; zwischen ihnen war nur eine einzige Treppe – da kam die Rettung. Einige Stufen vor ihm rechts stand weit geöffnet eine leere Wohnung, dieselbe Wohnung im zweiten Stock, in der Arbeiter malten und jetzt wie mit Absicht fortgegangen waren. Das waren sicher die Leute gewesen, die soeben mit solch einem Geschrei hinabgelaufen waren. Die Dielen waren frisch gestrichen, mitten im Zimmer stand ein kleiner Eimer und eine Scherbe von einem Topfe mit Farbe und Pinsel. Im Nu schlüpfte er durch die offene Tür und verbarg sich hinter einer hohen Wand, es war hohe Zeit. Sie waren schon auf dem Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach oben und gingen laut sprechend nach dem vierten Stock. Er wartete eine Zeitlang, ging auf Fußspitzen hinaus und lief nach unten.
Auf der Treppe war niemand! Auch unten nicht. Er ging schnell durch das Tor und ging nach links die Straße hinunter. Er wußte es nur zu gut, daß sie in diesem Augenblicke schon in der Wohnung waren, daß sie erstaunt waren, die Türe offen zu sehen, die noch eben verschlossen war, daß sie schon die Leichen erblickten, und daß sie in weniger als einer Minute erraten würden, daß der Mörder hier soeben noch dagewesen war und Zeit gefunden hatte, sich irgendwo zu verbergen, an ihnen vorbeizuhuschen und zu fliehen; sie werden vielleicht auch auf den Gedanken gekommen sein, daß er in der leeren Wohnung stak, als sie nach oben gingen. Indessen aber durfte er um keinen Preis seinen Gang zu sehr beschleunigen, obgleich bis zur ersten Seitenstraße gegen hundert Schritte waren.