„Soll ich nicht in ein Tor hineinschlüpfen und irgendwo in einer unbekannten Straße abwarten? Nein, das ist gefährlich! Soll ich nicht das Beil fortwerfen? Soll ich nicht eine Droschke nehmen? Es ist zu gefährlich, zu gefährlich!“
Endlich kam die Seitenstraße, er bog in sie halbtot ein. Hier war er schon zur Hälfte gerettet, und ward es inne, – hier erregte er kaum Verdacht, zudem war diese Straße stark belebt, und er ging wie ein Sandkorn in der Menge verloren. Aber alle diese Qualen hatten ihn so erschöpft, daß er sich kaum mehr fortbewegen konnte. Der Schweiß rann ihm in Tropfen herunter, sein Hals war ganz naß.
„Sieh mal, wie der voll ist!“ rief ihm jemand zu, als er auf den Kanal hinauskam.
Er hatte fast keinen Gedanken mehr; je weiter er ging, um so schlimmer wurde es. Er erschrak plötzlich, als er an den Kanal hinauskam; denn dort gab es wenig Menschen, hier konnte er leichter auffallen, und er wollte wieder in die Seitengasse zurückkehren. Trotzdem er am Umfallen war, machte er doch einen Umweg und kam von einer anderen Seite nach Hause.
Noch fast besinnungslos schritt er durch das Tor seines Hauses; er war schon die Treppe hinaufgestiegen, da erst entsann er sich des Beiles. Eine überaus wichtige Aufgabe stand ihm noch bevor, das Beil zurückzulegen und es unbemerkt zu tun. Er hatte nicht mehr die Kraft, zu überlegen, ob es vielleicht nicht viel besser wäre, das Beil gar nicht mehr auf seinen früheren Platz zurückzubringen, sondern es irgendwo auf einen fremden Hof, wenn auch nicht sofort, zu werfen.
Doch es ging alles gut vonstatten. Die Türe zu der Wohnung des Hausknechts war zugemacht, aber nicht verschlossen, also war der Hausknecht sehr wahrscheinlich zu Hause. Und so weit hatte er schon die Fähigkeit zu überlegen verloren, daß er einfach auf die Wohnung losging und die Türe öffnete. Hätte der Hausknecht ihn in diesem Augenblick gefragt, was er wolle, er hätte ihm einfach das Beil in die Hand gegeben. Der Hausknecht war aber auch diesmal nicht da und er konnte das Beil auf seinen Platz unter die Bank legen; er bedeckte es sogar wieder mit einem Holzscheit. Keine Seele begegnete ihm bis zu seinem Zimmer; die Türe zur Wohnung der Wirtin war abgeschlossen. Nachdem er in sein Zimmer eingetreten war, warf er sich auf den Diwan, so wie er war. Er schlief nicht, verfiel aber in einen Halbschlummer. Wenn jemand jetzt in sein Zimmer getreten wäre, wäre er aufgesprungen und hätte geschrien. Abgerissene, verworrene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, aber er konnte keinen einzigen erfassen, keinen festhalten, trotz aller Anstrengung.
Zweiter Teil
I.
So lag er sehr lange da. Manchmal wachte er vom Schlafe auf und dann bemerkte er, daß es schon längst Nacht war. Endlich nahm er wahr, daß es schon heller Tag war. Er lag auf dem Diwan ausgestreckt, noch erstarrt von der kaum überwundenen Bewußtlosigkeit. Schrill tönte fürchterliches verzweifeltes Geheul von der Straße herauf, das er jede Nacht unter seinem Fenster in der dritten Morgenstunde hörte. Das hatte ihn auch jetzt wieder aufgeweckt.
„Ah! Es kommen die Betrunkenen schon aus den Kneipen,“ dachte er. „Es ist drei Uhr!“ und er sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Diwan heruntergestoßen.