Er stürzte zu dem Winkel, steckte die Hand unter die Tapeten und begann die Sachen hervorzuholen und in die Taschen zu stecken. Im ganzen waren es acht Stück, – zwei kleine Schachteln mit Ohrgehängen oder etwas ähnlichem, – er hatte es nicht genau angesehen; dann vier kleine Etuis aus Saffian. Eine kleine Kette war bloß in Zeitungspapier eingewickelt. Es war noch etwas in einem Zeitungspapier, wie es schien, ein Orden ... Er steckte alles in die verschiedenen Taschen, in den Paletot und in die übriggebliebene rechte Hosentasche und gab sich Mühe, daß nichts von außen zu merken war. Den Beutel nahm er gleichfalls mit. Dann verließ er das Zimmer und ließ diesmal die Tür weit offen stehen.

Er ging schnell und fest, und obgleich er fühlte, daß er vollkommen zerschlagen war, war doch sein Bewußtsein klar. Er fürchtete eine Verfolgung, fürchtete, daß nach einer halben Stunde, nach einer Viertelstunde schon vielleicht der Befehl gegeben würde, ihn zu beobachten, also mußte er um jeden Preis, ehe es zu spät war, alles beiseite schaffen. Er mußte fertig sein, solange ihm noch die geringste Kraft und klarer Verstand zur Seite standen ... Wohin aber gehen?

Das war längst entschieden: „Alles in den Kanal werfen, und das ist das Ende“. So hatte er noch in der Nacht, im Fieber, beschlossen, in den Augenblicken, wo er – er entsann sich dessen – ein paarmal versuchte aufzustehen und fortzugehen: „Schnell, schnell, alles fortwerfen“. Aber das erwies sich als sehr schwer.

Er wanderte den Jekaterinenkanal schon über eine halbe Stunde entlang, vielleicht auch länger, und schaute nach den Treppen, die zum Kanal hinabführten. Aber es war nicht mal daran zu denken, das Vorhaben auszuführen: entweder lagen an den Treppen Flöße, und Wäscherinnen wuschen dort, oder Kähne hatten angelegt, und überall wimmelte es von Menschen, außerdem aber konnte man von allen Seiten hersehen, es war schon verdächtig, wenn ein Mensch hinabging, stehen blieb und etwas ins Wasser warf. Und gar wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf schwammen? Ja, und so wird es auch kommen. Jeder wird es sehen. Schon jetzt sehen alle ihn an, als ob sie sich nur um ihn kümmerten.

„Woher kommt das, oder scheint es mir nur so?“ – dachte er.

Endlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, irgendwohin an die Newa zu gehen? Dort sind weniger Menschen, und es würde weniger bemerkbar und in jedem Falle bequemer sein, hauptsächlich aber wäre es weit von hier. Und er wunderte sich plötzlich, wie er eine volle halbe Stunde an den gefährlichen Stellen in Trübsal und Unruhe herumgewandert war, ohne früher auf diesen Gedanken zu kommen.

Und er hatte nur darum eine halbe Stunde nutzlos verbraucht, weil er so im Traume, im Fieber beschlossen hatte. Er war sehr zerstreut und vergeßlich geworden und fühlte es. Entschieden mußte er sich beeilen.

Er ging zur Newa den W.schen Prospekt entlang und unterwegs kam ihm plötzlich der Gedanke: „Warum denn zur Newa? Warum ins Wasser werfen? Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit hinzugehen, vielleicht auf die Inseln, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle, im Walde, unter einem Busche alles zu verscharren und vielleicht sich den Baum zu merken?“

Und obgleich er fühlte, daß er nicht imstande sei, alles klar und vernünftig in diesem Augenblicke zu überlegen, schien ihm doch der Gedanke einwandfrei zu sein.

Aber auch das war ihm nicht bestimmt auszuführen, es geschah etwas anderes: – als er vom W.schen Prospekt auf den Platz kam, erblickte er plötzlich links das Tor zu einem von vollkommen fensterlosen Mauern umgebenen Hof. Rechts zog sich von dem Eingange tief in den Hof hinein die fensterlose, ungekalkte Mauer des vierstöckigen Nachbarhauses. Links vom Eingange, parallel der kahlen Mauer, lief ein hölzerner Zaun, der weiterhin, etwa zwanzig Schritte vom Eingange eine Biegung nach links machte. Es war ein leerer, umzäunter Platz, wo allerhand Baumaterialien lagen. Weiter, tief im Hofe, blickte hinter dem Zaune die Ecke einer niedrigen, verräucherten Scheune aus Stein hervor, wahrscheinlich der Teil einer Werkstatt. Hier war sicher eine Werkstatt für Wagenbauer oder eine Schlosserei oder etwas ähnliches, denn überall lag viel schwarzer Kohlenstaub. „Hier könnte man es wegwerfen und fortgehen!“ – durchzuckte es ihn plötzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte, durchschritt er das Tor und erblickte sofort am Eingange eine am Zaune angebrachte Rinne, wie man sie oft in solchen Häusern antrifft, in denen es viele Arbeiter, Kutscher usw. gibt, und über der Rinne war am Zaune mit Kreide die übliche witzige Bemerkung angeschrieben: „Hier ist es verboten, stehen zu bleiben!“ Dieser Umstand war also ausgezeichnet, es konnte keinen Verdacht erregen, daß er hineingegangen und hier stehn geblieben war. „Alles mit einem Ruck fortwerfen und fortgehen!“