Er blickte sich noch einmal um und wollte schon die Hand in die Tasche stecken, als er plötzlich an der äußeren Mauer, zwischen dem Tore und der Rinne, wo es höchstens einen Meter breit war, einen großen unbehauenen Stein bemerkte, der vielleicht einen halben Zentner schwer sein mochte und an die Straßenmauer angelehnt war. Hinter dieser Mauer war die Straße, der Fußsteg, man hörte, wie die Vorbeigehenden schlurften, aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht jemand von der Straße eintrat, was übrigens sehr leicht passieren konnte, und darum mußte er sich beeilen.

Er beugte sich zu dem Steine, packte die obere Spitze mit beiden Händen fest an, nahm alle seine Kräfte zusammen und wandte den Stein um. Unter dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; er begann sofort alles aus der Tasche hineinzuwerfen. Der Beutel kam obenauf zu liegen, und trotzdem war noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein von neuem an, drehte ihn mit einem Ruck um, und er kam genau auf die frühere Stelle zu liegen, nur schien er ein wenig hervorzuragen. Er scharrte Erde ringsum zusammen und trat sie fest. Es war nichts zu merken. Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder packte ihn auf einen Augenblick eine starke, überwältigende Freude, wie vorhin in dem Polizeibureau.

„Alle Spuren sind verwischt! Und wem, wem könnte es in den Sinn kommen, unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt hier, vielleicht seitdem das Haus gebaut ist und wird vielleicht noch ebensolange liegen. Und wenn man es auch finden würde, wer würde an mich denken? Alles ist vorüber! Es gibt keine Beweise!“ und er lachte. Ja, er entsann sich später, daß ihn ein nervöses stilles Lachen überfallen und daß er solange gelacht hatte, als er über den Platz ging. Als er aber den K.schen Boulevard erreichte, wo er vorgestern dem jungen Mädchen begegnet war, verging ihm das Lachen. Andere Gedanken kamen ihm in den Kopf. Ein Abscheu ergriff ihn, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals nach dem Fortgehen des Mädchens gesessen und nachgedacht hatte, und er fürchtete sich, dem Polizisten wieder zu begegnen, dem er damals zwanzig Kopeken gegeben hatte. „Hol ihn der Teufel!“ Er ging und blickte sich zerstreut und ärgerlich um. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um einen einzigen, anscheinend um den Hauptpunkt, und er fühlte, daß dies wirklich der Hauptpunkt sei, und daß er jetzt, gerade jetzt, mit diesem Hauptpunkte unter vier Augen zu tun habe, – und daß es das erstemal seit diesen zwei Monaten sei.

„Ah, hol der Teufel all das!“ dachte er plötzlich in einem Anfalle von unermeßlicher Wut. „Na, wenn es mal begonnen hat, mag es auch dabei bleiben, hol der Teufel das neue Leben. Oh Gott, wie das dumm ist! ... Und wieviel habe ich heute zusammengelogen und wie gemein war ich! Wie gemein habe ich vorhin geschwänzelt und dem charakterlosen Ilja Petrowitsch geschmeichelt. Was war das für ein Blödsinn! Ich pfeife auf sie alle und auch auf das, daß ich geschwänzelt und geschmeichelt habe. Das ist es nicht, das ist es gar nicht!“

Plötzlich blieb er stehn; eine neue, völlig unerwartete und außerordentlich einfache Frage brachte ihn von diesem Gedanken ab und ließ ihn bitter erstaunen:

„Wenn das ganze in der Tat bewußt und nicht in alberner Weise vollführt wurde, wenn du tatsächlich ein bestimmtes und sicheres Ziel hattest, – wie kam es dann, daß du bis jetzt nicht einmal in den Beutel hineinblicktest und nicht weißt, was dir zugefallen ist, warum hast du alle Qualen auf dich genommen und solch eine gemeine, häßliche, niedrige Tat bewußt übernommen? Du wolltest doch soeben ihn ins Wasser werfen, den Beutel mit all den Sachen, die du auch noch nicht gesehen hast ... Wie ist denn das?“

Ja so ist es, es ist einmal so. Er hatte es vorher gewußt, und es war gar keine neue Frage für ihn. Auch als es in der Nacht beschlossen wurde, ohne jedes Schwanken und jeden Widerspruch, sondern so, als gehörte es sich so, als wäre es anders unmöglich ... Ja, er wußte dies alles und erinnerte sich daran; ja, schon gestern war es vielleicht so beschlossen in demselben Moment, als er über den Kasten gebückt dasaß und die Futterale hervorholte ... Es ist doch so! ...

„Das kommt daher, daß ich sehr krank bin,“ entschied er schließlich finster, „ich habe mich selbst gemartert und abgequält und weiß selbst nicht, was ich tue ... Auch gestern und vorgestern und die ganze Zeit habe ich mich gemartert ... Ich werde gesund werden und ... werde mich dann nicht mehr martern ... Aber wenn ich nun gar nicht gesund werde? Oh Gott! Wie ich all dessen überdrüssig bin ...“

Er ging weiter ohne stehn zu bleiben. Er wollte sehr gern sich irgendwie zerstreuen, aber er wußte nicht, was er tun und unternehmen sollte. Eine neue unbezwingbare Empfindung erfaßte ihn immer stärker und stärker mit jedem Augenblick, – es war ein grenzenloser, fast physischer Widerwille gegen alles, was ihm begegnete und was ihn umgab; es war ein hartnäckiges, böses und quälendes Gesicht. Alle Begegnenden waren ihm widerwärtig, – ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen waren ihm widerwärtig. Er hätte sie am liebsten angespien, ja, vielleicht gar gebissen, wenn man ihn angeredet hätte.

Er blieb stehn, als er an das Ufer der kleinen Newa, auf Wassiljew Ostroff bei der Brücke hinauskam.