„Davon leben sie, Verehrtester, damit verdienen sie ...“
In dem Augenblicke, als er am Geländer stand, den Rücken reibend und immer noch sinnlos vor Wut der davonfahrenden Equipage nachschaute, fühlte er, daß ihm jemand Geld in die Hand drückte. Er blickte auf, – es war eine ältliche Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche, und neben ihr ein junges Mädchen im Hute, mit einem grünen Sonnenschirme, wahrscheinlich die Tochter. „Nimm, mein Lieber, um Christi willen!“ Er nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es waren zwanzig Kopeken. Seiner Kleidung und dem Aussehen nach konnten sie ihn sehr leicht für einen Bettler, für einen echten Groschensammler von der Straße halten, daß sie ihm aber ganze zwanzig Kopeken gaben, hatte er sicher dem Peitschenhiebe zu danken, der sie mitfühlend gestimmt hatte.
Er drückte die Münze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais. Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brücke aus, leuchtete förmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz klarer Gedanke beschäftigte ihn jetzt ausschließlich. Er stand und schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er besonders gut. Als er noch zur Universität ging, geschah es gewöhnlich, – meistens auf dem Rückwege nach Hause, – daß er gerade an dieser Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu betrachten, und jedesmal mußte er über den Eindruck, den er sich nicht erklären konnte, staunen. Eine unerklärliche Kälte wehte ihm stets von diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prächtige Bild war für ihn von einem stillen und dumpfen Geiste erfüllt ... Er wunderte sich jedesmal über seinen düsteren und rätselhaften Eindruck und schob die Lösung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich deutlich seiner früheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als hätte er sich nicht rein zufällig ihrer erinnert. Schon der Umstand erschien ihm merkwürdig und wunderlich, daß er auf derselben Stelle, wie früher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, daß er jetzt über dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich für ebensolche Themen und Bilder interessieren könne, wie er es früher ... noch unlängst getan. Ihm wurde fast lächerlich zumute und gleichzeitig schnürte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze Vergangenheit, die früheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die damaligen Eindrücke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles ... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus seinen Augen ... Indem er eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand machte, fühlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken. Er öffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstück an und schleuderte es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien es, als hätte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit einer Schere abgeschnitten.
Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mußte er im ganzen gegen sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurückgekommen war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am ganzen Körper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa, zog seinen Mantel über sich und fiel sofort in Bewußtlosigkeit ...
Er wurde in völliger Dämmerung von einem furchtbaren Geschrei aufgestört. Oh, Gott, was ist das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen Töne, solch ein Geheul, Stöhnen, Knirschen, Weinen, Schläge und Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die Schläge, das Geschrei und die Schimpfwörter wurden immer stärker und stärker. Er vernahm zu seiner größten Verwunderung die Stimme seiner Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so eiliger Hast, daß man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, – gewiß, daß man aufhören sollte, sie zu schlagen, denn man prügelte sie auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so schauerlich vor Wut und Raserei, daß er bloß noch röchelte, und er sprach ebenso unverständlich, hastig und sich verschluckend. Plötzlich bebte Raskolnikoff am ganzen Körper; er hatte die Stimme von Ilja Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlägt die Wirtin! Er schlägt sie mit Fäusten, stößt ihren Kopf auf die Stufen, – das ist klar, man hörte es an dem Ton, am Geheul, an den Schlägen! Was ist denn geschehen, hat sich die Welt gewendet? Man hörte, wie aus allen Stockwerken, auf der ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man läuft, trampelt, schlägt die Türen zu, rennt zusammen. „Aber weshalb denn, weshalb und wie ist es denn möglich?“ wiederholte er und glaubte in allem Ernste, er hätte den Verstand verloren. Aber nein, er hört es doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, „denn ... das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott!“ Er wollte die Tür zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es wäre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hörte dieser Spektakel, der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin stöhnte und ächzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hörte man ihn nicht mehr. „Ist er fortgegangen? Oh, Gott!“ Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie stöhnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Türe zu ... Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, – sie bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis zum Geschrei, bald sinkt es zum Flüstertone. Wahrscheinlich waren es viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. „Aber, mein Gott, ist denn das alles möglich! Und warum, warum kam er hierher!“
Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge schließen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem unausstehlichen Gefühle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch nie empfunden hatte. Plötzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer, – Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, daß er nicht schlafe, stellte sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen: Brot, Salz, einen Teller und Löffel ...
„Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen Tag umhergetrieben, – im Fieber, wie du bist.“
„Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Wer hat die Wirtin geschlagen?“