„Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, General. Sind Sie niemals bei Nastassja Filippowna gewesen?“
„Ich? Ich nicht bei ihr gewesen? Fragen Sie das mich? Unzähligemal, unzähligemal, mein Lieber!“ rief der General wie in einem Anfall mit selbstzufriedener und stolzer Miene aus. „Doch habe ich schließlich selbst diese Beziehungen abgebrochen; denn ich will diese unanständige Verbindung nun einmal nicht zulassen. Sie haben doch selbst gesehen, Sie waren doch Zeuge heute: ich tat alles, was ein Vater tun konnte, und nicht wahr, ein guter und nachsichtiger Vater! Jetzt jedoch wird ein ganz anderer Vater auf die Szene treten, und dann – wollen wir sehen, ob dann der verdienstvolle alte Soldat die Intrige zerstören oder ob eine schamlose Kamelie in die vornehmste Familie eindringen wird!“
„Ich wollte Sie gerade bitten, ob Sie mich nicht, als Bekannter, bei Nastassja Filippowna heute abend einführen könnten? Es muß unbedingt noch heute geschehen, und ich weiß keine andere Möglichkeit, hinzugelangen. Ich wurde ihr heute zwar vorgestellt, doch hat sie mich nicht aufgefordert, und heute abend empfängt sie nur geladene Gäste. Ich würde sogar bereit sein, mich über gewisse gesellschaftliche Formen hinwegzusetzen, selbst wenn man sich auch über mich lustig machen sollte. Wenn ich nur nicht abgewiesen werde!“
„Ich habe genau, genau denselben Gedanken gehabt, mein junger Freund!“ rief der General begeistert aus. „Ich habe Sie nicht etwa dieses lumpigen Geldes wegen gerufen,“ fuhr er fort, indem er das Geld in die Tasche steckte, „sondern ich wollte Sie gerade zu diesem Gang zu Nastassja Filippowna auffordern, oder besser gesagt, zu diesem Feldzuge. General Iwolgin und Fürst Myschkin! Wie das klingt! Wird es ihr nicht imponieren? Und ich werde dann in aller Liebenswürdigkeit an ihrem Geburtsfest endlich meinen Willen aussprechen, – durch die Blume, versteht sich, nicht geradeaus ... aber es wird doch ebensogut wie geradeaus sein. Mag dann Ganjä selbst entscheiden, zu wem er halten will: zum alten verdienstvollen Vater und ... sozusagen ... und so weiter, oder ... Doch wir werden ja sehen. Ihr Einfall ist im höchsten Grade fruchtbar. Um neun Uhr brechen wir auf; bis dahin haben wir noch Zeit.“
„Wo wohnt sie?“
„Ziemlich weit von hier: neben dem Großen Theater, im Hause der Mytowzowa in der Beletage, gleich am Platz ... Es werden nicht viele Gäste bei ihr sein, – obschon sie heute ihren Geburtstag feiert, – und auch die werden früh aufbrechen.“
Inzwischen wurde es Abend. Der Fürst saß immer noch, hörte zu und wartete, daß der General sich endlich erheben würde. Dieser jedoch war ins Erzählen hineingekommen und gab alle seine Geschichten zum besten, von denen er immer wieder eine neue begann, ohne die vorhergehende beendet zu haben. Als der Fürst gekommen war, hatte der General eine neue Flasche bestellt und im Verlauf einer Stunde ausgetrunken; dann bestellte er noch eine, die er gleichfalls allein leerte. Man hätte denken können, daß der General in dieser Zeit so ungefähr sein ganzes Leben erzählte. Endlich riß dem Fürsten die Geduld: er erhob sich und erklärte, daß er nicht länger warten könne. Der General trank noch den letzten Rest aus, erhob sich dann gleichfalls und schritt äußerst unsicher aus dem Zimmer. Der Fürst war der Verzweiflung nahe, als er ihn gehen sah. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich auf den alten Trinker verlassen und sich ihm anvertraut hatte. (Im Grunde vertraute er sich nie einem Menschen an.) Er bedurfte des Generals ja nur, um an diesem Abend zu Nastassja Filippowna gelangen zu können, wenn es auch einen kleinen Skandal kostete! Immerhin hatte er nicht mit einem so unvermeidlichen und so großen Skandal gerechnet. Was sollte er tun? Der General war vollkommen betrunken und von einer Redseligkeit, die ihn ohne Unterbrechung mit Gefühl und „Tränen in der Seele“ sprechen ließ. Es drehte sich zumeist darum, daß durch die schlechte Aufführung seiner Familie – er selbst war natürlich nicht darunter gemeint – alles zugrunde gehe, und daß er nun endlich eingreifen müsse.
Sie traten auf die Liteinaja hinaus. Das Tauwetter hielt noch immer an; ein wehmütiger, warmer, modriger Wind pfiff durch die Straßen, die Gummireifen der Equipagen klatschten im Straßenschmutz, und die Hufe der Traber und Droschkengäule klangen hier und da hell auf einem Pflasterstein auf. Die Fußgänger schoben sich in freudloser, durchnäßter Masse auf den Trottoirs durcheinander. Hin und wieder sah man einen Betrunkenen.
„Sehen Sie dort diese erleuchteten Beletagen,“ fuhr der General unermüdlich fort, „hier leben alle meine Freunde, ich aber, der ich dem Vaterlande am meisten gedient und für dasselbe gelitten habe, ich irre zu Fuß zum Großen Theater und begebe mich in die Wohnung eines zweideutigen Weibes! Ein Mensch, der dreizehn Kugeln in der Brust hat ... Sie glauben mir nicht? Mein Herr, einzig meinetwegen hat Pirogoff[8] nach Paris telegraphiert und das belagerte Sebastopol zeitweilig im Stich gelassen. Nélaton, dem Pariser Hofarzt, wirkte er im Namen der Wissenschaft freie Durchfahrt aus, worauf dieser persönlich im belagerten Sebastopol erschien, um mich zu untersuchen. Oh, selbst den höchsten Vorgesetzten war es bekannt. ‚Ah, das ist der Iwolgin mit den dreizehn Kugeln in der Brust! ...‘ hieß es allgemein. Sehen Sie, Fürst, dort jenes Haus? Dort wohnt in der Beletage mein alter Freund General Ssokolowitsch, mit seiner edlen und zahlreichen Familie. Diese Familie hier, drei, die am Newskij wohnen, und zwei in der Großen Morskaja – das ist mein ganzer Verkehr; denn Nina Alexandrowna hat sich schon längst den Verhältnissen gefügt, während ich noch fortfahre, mich ... sozusagen zu erholen im Kreise meiner früheren Bekannten, Freunde und Untergebenen, die auch jetzt noch nicht aufgehört haben, mich zu vergöttern. Dieser General Ssokolowitsch – eigentlich habe ich ihn lange nicht mehr besucht und auch Anna Fedorowna nicht gesehen ... Wissen Sie, lieber Fürst, wenn man selbst nicht empfängt, so gibt man es ganz unwillkürlich auf, andere zu besuchen. Indes ... hm! ... Sie, scheint es, glauben mir nicht ... Doch – da fällt mir eben ein! – weshalb soll ich nicht den Sohn meines besten Freundes und Jugendgespielen in diese bezaubernd liebenswürdige Familie einführen? General Iwolgin und Fürst Myschkin! Sie werden ein entzückendes, junges Mädchen kennen lernen, nein, nicht nur eines, sondern zwei, sogar drei! Eine schöner als die andere! Sie sind die Zierde der Residenz und der Gesellschaft. Schönheit, Bildung, Erziehung ... Frauenfrage, Poesie – alles das hat sich in ihnen zu einem tadellosen Ganzen glücklich vereinigt, ganz abgesehen von den achtzigtausend Rubeln Mitgift, die eine jede erhält – was ja doch kein Fehler und niemals überflüssig ist, weder bei sozialen noch bei Frauenfragen ... Mit einem Wort, ich muß Sie unbedingt, unbedingt dort einführen; es ist sogar meine Pflicht, Sie mit ihnen bekannt zu machen! General Iwolgin und Fürst Myschkin! Mit einem Wort ... Tableau!“
„Wie, doch nicht jetzt? Heute? Sie vergessen ...“ begann der Fürst.