„Sie ist nun einmal eine Dame mit unruhigem Geist. Jawohl, ja! Und wie ich beobachtet habe, gar zu geneigt zu ernsten, wenn auch nebensächlichen Gesprächen. Ja, das hat sie gern, nein wirklich! Ohne Spaß. Ich aber bin nun in der Auslegung der Apokalypse eine Kompetenz und befasse mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie war sogar ganz meiner Meinung, daß wir jetzt beim dritten Rosse stehen, bei dem braunen, und bei dem Reiter mit dem Maß in der Hand, da doch heutzutage alles nach Maß und Vertrag geht und jeder Mensch nur sein eigenes Recht sucht: ‚ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar‘, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht ... und dabei wollen sie noch freien Geist und reines Herz und gesunden Körper und alle guten Gaben Gottes behalten und bewahren. Das aber können und werden sie nicht, wenn sie das Recht so auffassen, und hierauf folgt das ‚bleiche Roß‘ und der, dessen Name ist Tod, und dann folgt schon die Hölle ... Darüber disputieren wir nun, wenn wir zusammenkommen und – es hat stark gewirkt.“

„Ist das Ihr eigener Glaube?“ fragte der Fürst und betrachtete Lebedeff mit seltsamem Blick.

„Jawohl. Also glaube ich und also lege ich es aus; denn ich bin arm und nackend und nur ein Atom im Kreislauf der Menschen. Wer wird einen Lebedeff achten? Ein jeder hat ihm etwas am Zeuge zu flicken und versetzt ihm wenn nichts anderes, dann wenigstens einen Rippenstoß. Hier aber, in der Auslegung der Apokalypse, bin ich jedem Würdenträger ebenbürtig. Das macht der Verstand! Und hat doch schon einmal ein Würdenträger vor mir gezittert ... auf seinem Fauteuil, als ihm das Licht aufging. Seine erhabene Exzellenz Nil Alexejewitsch ließen mich vor drei Jahren – es war kurz vor dem Osterfest und ich hatte damals noch in ihrem Departement eine Anstellung – durch Pjotr Sacharytsch in ihr Kabinett rufen und fragten mich also unter vier Augen: ‚Ist es wahr, daß du ein Professor des Antichrist bist?‘ Und ich verschwieg’s auch nicht: ‚Ich bin’s‘, sprach ich, und ich begann meine Auslegung und stellte es dar und verminderte auch den Schrecken nicht im geringsten, sondern vergrößerte ihn noch, indem ich die ganze Allegorie aufrollte und mathematische Zahlen anführte. Anfangs hatten sie noch gelächelt, bei den Zahlen aber und den Gleichnissen begannen sie zu zittern und baten, das Buch zu schließen und fortzugehen, und zu Ostern versprachen sie mir noch eine Gratifikation, doch zu St. Thomas gaben Seine Exzellenz bereits den Geist auf.“

„Was reden Sie, was ist in Sie gefahren, Lebedeff?“

„Tatsache! Nach dem Mittagessen geruhten Seine Exzellenz aus dem Wagen zu fallen ... an einer Straßenecke mit dem Oberschädel senkrecht auf einen Prellstein, und wie ein Kindchen, wie ein kleines Kindchen geruhten sie sogleich die Seele auszuhauchen. Dreiundsiebzig Jahre alt, nach dem Taufschein gerechnet. Ein rosa-graues Herrchen in einer Wolke von Parfüm und ewig mit einem Lächeln im Gesicht, ewig lächelnd, auf ein Haar wie ein kleines Kindlein. Da sagte noch Pjotr Sacharytsch zu mir: ‚Das hast du ihm vorausgesagt!‘ sagte er.“

Der Fürst erhob sich. Lebedeff wunderte sich darüber und sah ihn ganz verblüfft an.

„Sie sind mir aber doch mal etwas zu gleichmütig geworden, he–he ...“ wagte er mit unterwürfigem Blick zu bemerken.

„Ich ... ich fühle mich nicht ganz wohl, der Kopf ist mir schwer, von der Reise natürlich,“ antwortete der Fürst stirnrunzelnd.

„Sie müßten aufs Land, müßten sich eine Datsche mieten,“ bemerkte Lebedeff vorsichtig.

Der Fürst stand in Gedanken versunken vor ihm.