Sie waren an der Tür zum Treppenhaus angelangt.
„Was?“ Der Fürst blieb vor Überraschung stehen. „Was sagst du! Ich habe ja doch nur gescherzt, du aber sagst es so ernst! Weshalb fragtest du mich, ob ich an Gott glaube oder nicht?“
„Nichts, nur so. Ich wollte es dich eigentlich schon immer fragen. Aber wie nun, ist es wahr – du hast doch im Auslande gelebt –, mir sagte einmal einer in der Betrunkenheit, daß es bei uns in Rußland mehr als in allen anderen Ländern solche geben soll, die an Gott nicht glauben. Uns, sagte er, falle das leichter als ihnen, denn wir seien darin fortgeschrittener ...“
Rogoshin lachte kurz und leise auf. Es lag etwas Beißendes in seinem Lachen. Er öffnete die Tür und wartete, den Türgriff in der Hand, bis der Fürst hinaustrat.
Der Fürst wunderte sich darüber, trat aber doch hinaus. Rogoshin folgte ihm auf den Treppenflur und zog die Tür hinter sich zu. Beide standen sie sich gegenüber, und wie es schien, hatten sie beide vergessen, wohin sie gekommen waren, und was sie hier tun wollten.
„Nun, so leb’ denn wohl,“ sagte der Fürst sich besinnend und reichte Rogoshin die Hand.
„Leb’ wohl,“ sagte Rogoshin, indem er fest, doch ganz mechanisch die ihm entgegengestreckte Hand drückte.
Der Fürst trat eine Stufe hinunter, wandte sich dann aber nochmals zurück.
„Und was den Glauben anbetrifft,“ sagte er lächelnd – offenbar wollte er den anderen nicht so verlassen, und wahrscheinlich war ihm plötzlich etwas in den Sinn gekommen – „so hatte ich an zwei Tagen der letzten Woche vier verschiedene Begegnungen. Am Morgen des einen Tages fuhr ich auf einer neuen Eisenbahnstrecke und unterhielt mich vier Stunden lang mit einem gewissen S., mit dem ich im Kupee zusammensaß. Ich hatte schon früher von ihm gehört, unter anderem auch, daß er ein Atheist sei. Er war ein allerdings sehr gelehrter Mann, und es freute mich, daß ich mit einem solchen über dieses Thema sprechen konnte. Außerdem war er vorzüglich erzogen, so daß er mit mir sprach, als wäre ich ihm an Gelehrsamkeit vollkommen gleich. An Gott glaubt er nicht. Nur machte mich eines stutzig: daß er die ganze Zeit gar nicht davon sprach, und zwar machte mich das gerade deshalb stutzig, weil es mir auch früher aufgefallen ist, so oft ich mit Atheisten zusammengekommen bin oder Schriften von ihnen gelesen habe, daß sie gar nicht davon gesprochen oder geschrieben haben, wenn es auch hundertmal diesen Anschein hat. Ich sagte ihm, daß ich diese Beobachtung gemacht hätte, doch muß ich mich wohl nicht ganz verständlich ausgedrückt haben, denn er begriff nicht, was ich damit sagen wollte ... Am Abend desselben Tages mußte ich im Gasthof einer kleinen Kreisstadt absteigen, um zu übernachten. Dort hatte sich in der vorhergehenden Nacht ein Mord zugetragen, und so wurde natürlich, als ich eintraf, nur davon gesprochen. Zwei vollkommen nüchterne und bejahrte Bauern, zwei alte Bekannte, oder man kann sogar sagen, zwei gute Freunde, hatten am Abend Tee getrunken und wollten in einem kleinen Stübchen die Nacht verbringen. Der eine aber hatte in den zwei Tagen, die sie schon in der Stadt waren, bemerkt, daß der andere eine silberne Uhr an einer Glasperlenkette trug, die er früher nicht an ihm gesehen hatte. Dieser Mann war durchaus kein Dieb, er war sogar ein ehrlicher Kerl und als einfacher Bauer durchaus nicht arm. Die Taschenuhr gefiel ihm aber in solchem Maße, und ihr Besitz erschien ihm so verlockend, daß er sein Messer nahm und, als der Freund sich abwandte, leise hinterrücks an ihn heranschlich, die Augen zum Himmel aufschlug, sich fromm bekreuzte und inbrünstig betete: ‚Gott, verzeihe mir um Christi willen!‘ – um darauf den Freund mit einem einzigen Stoß niederzustechen wie einen Hammel und ihm die Uhr aus der Tasche zu nehmen.“
Rogoshin brach in ein schallendes Gelächter aus. Er lachte ungläubig, lachte, als hätte er einen Lachkrampf. Und dieses plötzliche konvulsive Lachen erschien um so sonderbarer, als er noch vor einem Augenblick ernst, ja sogar finster gewesen war.