„Das gefällt mir! Nein, das ist aber doch unübertrefflich!“ stieß er zwischendurch hervor. „Der eine glaubt überhaupt nicht an Gott, der andere aber glaubt schon so sehr, daß er, zu ihm betend, sogar Menschen ermordet! Nein, das, Bruder, das ist zu wundervoll, so etwas kann man nur erleben, das kann man sich nicht ausdenken, Fürst, Freund! Ha–ha–ha–ha–ha! Nein, das ist unübertrefflich! ...“

„Am folgenden Morgen machte ich einen Spaziergang durch die Stadt,“ fuhr der Fürst fort, sobald Rogoshin sich ein wenig beruhigt hatte, wenn auch sein Mund immer noch krampfhaft zuckte und das Lachen aus seinem Gesicht nicht verschwinden wollte. „Da sehe ich, vor mir auf dem Trottoir kommt mir im Zickzack ein betrunkener Soldat entgegen, zerzaust, unordentlich und schmutzig. Wie er sich mir nähert, sagt er plötzlich: ‚Kauf’, Herr, ein silbernes Kreuz, gebe es dir für zwanzig Kopeken; ein echt silbernes!‘ Ich sehe, er hat in der Hand ein Kreuz, das er offenbar soeben erst vom Halse genommen, an einem hellblauen, nur schon sehr abgetragenen Bande, doch ist es ein schweres Bleikreuz, das sieht man auf den ersten Blick, ziemlich groß, achtendig, mit echt byzantinischem Muster. Ich gab ihm ein Zwanzigkopekenstück und legte mir sogleich das Kreuz um den Hals. Man sah seinem Gesicht an, wie zufrieden er darüber war und wie es ihn freute, daß er den dummen Herrn so geschickt hatte betrügen können, worauf er sich zweifellos in die nächste Schenke begab, um das Geld für sein Kreuz zu vertrinken. Weißt du, Freund, ich war damals noch so unter dem Einfluß all der Eindrücke, die hier in Rußland auf mich eingestürmt waren, daß ich mitunter glaubte, sie würden mich erdrücken. Hatte ich doch früher nichts von unserem Vaterlande begriffen, war ich doch wie ein Taubstummer aufgewachsen, und nur phantastisch entsann ich mich in diesen fünf Jahren im Auslande des einen oder des anderen. Ich ging weiter und dachte bei mir: Nein, ich werde doch damit warten, diesen Christusverkäufer zu verurteilen. Kann doch nur Gott allein wissen, was diese trunkenen, schwachen Herzen in sich bergen. Nach einer Stunde, als ich zum Gasthof zurückkehrte, begegnete ich einem jungen Weibe, das ein kleines Kindchen auf den Armen trug. Es war ein noch junges Weib, und das Kleine wird so sechs Wochen alt gewesen sein. Da sehe ich, wie sie sich plötzlich so fromm bekreuzt, so inbrünstig geradezu. ‚Weshalb bekreuzt du dich, junge Mutter?‘ fragte ich sie – ich frage doch nach allem auf Schritt und Tritt. Da sagte sie: ‚Ebenso groß, wie die Freude der Mutter ist, wenn sie das erste Lächeln ihres Kindes erblickt, ist auch die Freude Gottes jedesmal, wenn er sieht, wie ein Sünder vor ihm zum Gebet niederkniet.‘ Fast mit denselben Worten sagte es mir das Weib, und damit sprach sie einen so tiefen, so feinen und wahrhaft religiösen Gedanken aus, einen Gedanken, in dem sich das ganze Wesen des Christentums ausdrückt, das heißt, der ganze Begriff von Gott, als von unserem leiblichen Vater, und von der Freude Gottes am Menschen, als von der Freude eines Vater an seinem leiblichen Kinde – das aber ist ja doch der Grundgedanke Christi! Es war ein ganz einfaches junges Bauernweib! Freilich, sie war Mutter ... Und wer weiß, vielleicht war sie das Weib jenes Soldaten. Höre, Parfen, ich will dir noch auf deine Frage antworten: Das Wesen des religiösen Gefühls steht außerhalb aller Verbrechen und atheistischen Lehrsätze; wenn man von ihm sprechen will, wird man immer irgendwie nicht davon sprechen, und so wird es ewig sein; es ist hierin etwas, von dem alle Atheismen abgleiten, und ich sage dir, man kann gar nicht davon, sondern nur von etwas ganz anderem sprechen. Doch die Hauptsache ist, daß man dies am klarsten und schnellsten am russischen Herzen bemerkt, – davon bin ich überzeugt! Es ist das eine meiner ersten Überzeugungen, die ich hier in unserem Rußland gewonnen habe. Es gibt hier etwas zu tun, Parfen! Es gibt vieles zu tun, hier in unserer russischen Welt, glaub’ es mir! Denk’ daran, wie wir in Moskau zusammenkamen und sprachen ... Nein, ich wollte gar nicht mehr hierher zurückkehren! ... Und daß wir so, daß wir in dieser Weise uns wiedersehen würden, hätte ich niemals, niemals erwartet! Doch was! ... Leb’ wohl, auf Wiedersehen! ... Möge Gott dich behüten!“

Er wandte sich um und stieg die Treppe hinab.

„Lew Nikolajewitsch!“ rief plötzlich Parfen von oben, als der Fürst beim ersten Treppenabsatz angelangt war, „das Kreuz, das du dem Soldaten abgekauft hast – hast du das bei dir?“

„Ja, bei mir.“

Und der Fürst blieb stehen.

„Zeig’ mal her.“

Wieder eine neue Seltsamkeit. Der Fürst dachte einen Augenblick nach, dann entschloß er sich und stieg die Treppe wieder hinauf, zog das Kreuz hervor und zeigte es Rogoshin, ohne es jedoch abzunehmen.

„Gib’s mir,“ sagte Rogoshin.

„Weshalb? Willst du denn ...“