Der Fürst wollte sich nicht gern von diesem Kreuz trennen.
„Ich werde es tragen und mein Kreuz dir geben, trag du es.“
„Du willst mit mir die Kreuze tauschen?[14] Wenn du das willst, Parfen, wird es mich freuen – seien wir Brüder!“
Der Fürst nahm sein bleiernes Kreuz ab und Parfen sein goldenes, und sie tauschten die Kreuze. Parfen schwieg. Es fiel dem Fürsten auf und berührte ihn unangenehm, daß das frühere Mißtrauen, das frühere bittere und fast spöttische Lächeln immer noch im Gesicht seines „Bruders“ zu zucken schien, wenigstens trat es für Augenblicke sichtbar hervor. Schweigend nahm schließlich Rogoshin die Hand des Fürsten und behielt sie eine Weile gleichsam unentschlossen in der seinen; plötzlich zog er ihn dann nach sich, indem er kaum hörbar ein „Komm!“ brummte. Sie gingen über den Treppenflur, und Rogoshin klingelte an der zweiten Tür, die jener, aus der sie herausgetreten waren, gegenüberlag. Es wurde ihnen bald geöffnet. Ein altes, kleines Frauchen in einem schwarzen Kleide, mit gekrümmtem Rücken und einem kleinen, um die Haare gebundenen Tuch verbeugte sich schweigend und tief vor Rogoshin. Dieser stellte flüchtig irgendeine Frage an sie, zog jedoch, ohne stehen zu bleiben oder ihre Antwort abzuwarten, den Fürsten weiter durch die folgenden Zimmer. Auch hier waren es dunkle, hohe Räume, in denen eine ganz besondere Sauberkeit herrschte, und kalt und streng wirkten auch die altertümlichen Möbel in den weißen, sauberen Überzügen. Ohne Anmeldung führte Rogoshin den Fürsten in ein nicht großes Zimmer, das etwa als Gastzimmer eingerichtet zu sein schien, doch wurde ein Teil vom Raume durch eine glänzend polierte Mahagoniholzwand, in der rechts und links eine Tür war, abgeteilt, und dieser Teil diente wahrscheinlich als Schlafzimmer.
In der einen Ecke des Gastzimmers saß dicht am Ofen in einem großen Lehnstuhl eine kleine, alte Frau. Übrigens war sie vielleicht noch gar nicht so sehr alt; ihr angenehmes, rundes Gesicht hatte noch eine ziemlich gesunde Farbe, doch ihr Haar war schon ganz silbergrau, und auf den ersten Blick konnte man erkennen, daß sie bereits vollkommen kindisch geworden war. Sie trug ein schwarzes Wollenkleid, um die Schultern ein weiches, schwarzes Tuch und auf dem Kopf eine saubere, weiße Haube, die unter dem Kinn nach alter Art festgebunden war. Die Füße stützte sie auf ein kleines Fußbänkchen. Neben ihr saß ein anderes, ebenso sauberes Frauchen, vielleicht etwas älter an Jahren, gleichfalls in einem Trauerkleide und einer weißen Haube – offenbar eine arme, alte Bekannte, die im Hause lebte und von Rogoshins ernährt wurde. Sie strickte schweigend an einem Strumpf. Augenscheinlich hatten sie beide die ganze Zeit geschwiegen. Als die ältere, fremde Frau Rogoshin und den Fürsten erblickte, lächelte sie freundlich und nickte mehrmals zum Zeichen ihrer Freude mit dem Kopf.
„Mütterchen,“ sagte Rogoshin, nachdem er seiner alten Mutter die Hand geküßt hatte, „hier ist mein Freund, Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin; wir haben beide die Kreuze getauscht; er war eine Zeitlang in Moskau wie ein leiblicher Bruder zu mir, er hat viel für mich getan. Segne du ihn, Mütterchen, wie du deinen leiblichen Sohn segnen würdest. Wart, Mütterchen, gib her, ich werde dir die Hand zum Segnen zurechtlegen ...“
Doch noch bevor Parfen ihre Hand ergreifen konnte, hatte sein Mütterchen schon ihre rechte Hand erhoben, die drei Finger zusammengelegt und andächtig dreimal das Kreuz über den Fürsten geschlagen. Es war ein fast zärtlicher Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie ihm darauf freundlich mit dem Kopfe zunickte.
„Nun, gehen wir, Lew Nikolajewitsch,“ sagte Parfen, „ich habe dich nur deshalb hierhergeführt ...“
Als sie wieder auf den Treppenflur hinaustraten, fügte er noch hinzu:
„Sie versteht doch sonst nichts, was man zu ihr sagt, und auch meine Worte hat sie nicht verstanden, und doch segnete sie dich; sie muß es selbst gewollt haben ... Nun leb’ wohl, es ist Zeit für uns beide, für dich wie für mich.“