„Da werd’ einer klug draus! Zuerst lachen sie wie die Wahnsinnigen und dann empfinden sie plötzlich die größte Hochachtung! Sag’ sofort, weshalb du jetzt mir nichts dir nichts die größte Hochachtung empfindest?“

„Ganz einfach deshalb,“ antwortete Aglaja ebenso ernst und – man kann sagen – feierlich auf die fast zornige Frage der Mutter, „weil uns in diesem Gedicht ein Mensch geschildert wird, der, nachdem er sich einmal ein Ideal auserkoren und an dasselbe zu glauben begonnen – ganz abgesehen davon, daß er überhaupt dazu fähig ist –, diesem Ideal sein ganzes Leben weiht. So etwas hört man jetzt nicht alle Tage. Leider ist in dem Gedicht nicht direkt gesagt, worin denn eigentlich dieses Ideal des ‚armen Ritters‘ bestand; aber es geht doch wenigstens aus ihm hervor, daß es etwas so ‚Lichtes‘ gewesen, daß der verliebte Ritter sogar auf den Schmuck der seidenen Schärpe verzichtet und statt dessen stets den Rosenkranz zum Gebet bei sich trug. Allerdings gibt es dann noch eine leise Anspielung im Gedicht, eine etwas unverständliche Devise, die Buchstaben N. F. B., die er auf seinen Schild gemalt ...“

„A. M. D.!“ korrigierte Koljä.

„Ich aber sage N. F. B.!“ unterbrach ihn Aglaja ärgerlich. „Doch gleichviel – jedenfalls ist es klar, daß dem ‚armen Ritter‘ der wahre Wert seiner Dame oder ihr Tun und Treiben mit der Zeit ganz gleichgültig wird: er hat sie einmal zu seinem Ideal erwählt und ihrer ‚Erscheinung so licht‘ Glauben geschenkt, das Weitere geht ihn nichts mehr an. Doch das ist eben das Große, daß er auch dann, wenn sie zur Diebin würde, dennoch an sie glauben und für ihre reine Schönheit Lanzen brechen müßte. Der Dichter hat in der Gestalt des ‚armen Ritters‘ offenbar die ganze Größe der mittelalterlichen platonischen Liebe irgendeines reinen und hochstehenden Edelmannes darstellen wollen. Natürlich war das alles nichts als Idealismus. Und im ‚armen Ritter‘ geht dieser Idealismus bis zur letzten Grenze, so daß er schon Asketismus wird. Man muß aber doch zugeben, daß die Fähigkeit zu einem solchen Idealismus eine große und tiefe Bedeutung hat und an sich sogar sehr lobenswert ist. Der ‚arme Ritter‘ ist auch ein Don Quijote, nur ein ernster und kein lächerlicher. Zu Anfang begriff ich diesen armen Ritter nicht und lachte über ihn, doch jetzt liebe ich ihn sehr und habe Hochachtung vor ihm.“

Als Aglaja geendet hatte, wußte keiner von den Anwesenden, ob sie im Ernst oder nur im Scherz gesprochen.

„Nun, das muß wohl irgendein Dummkopf gewesen sein, ebenso dumm wie sein ganzes großes Ideal!“ entschied die Generalin. „Aber auch du, meine Liebe, hast viel dummes Zeug zusammengeredet. Das war wirklich ganz unpassend von dir. Was ist das für ein Gedicht? Sage es auf, du kannst es doch gewiß auswendig. Ich will es unbedingt hören. Mein Lebtag habe ich keine Gedichte ausstehen können, als hätte ich’s vorausgeahnt! Und da haben wir’s nun! Um Gottes willen, lieber Fürst, dulde noch ein wenig, wir sind beide, scheint es, zu gemeinsamem Dulden verurteilt,“ wandte sie sich an den Fürsten Lew Nikolajewitsch.

Sie ärgerte sich aufrichtig über Aglaja.

Fürst Lew Nikolajewitsch wollte zwar etwas sagen, brachte aber in seiner Verwirrung kein Wort hervor. Nur Aglaja, die sich soviel herausgenommen hatte, war die einzige von allen Anwesenden, die sich nicht im geringsten geniert fühlte; ja, sie schien sich sogar darüber zu freuen, daß es so weit gekommen war. Sie erhob sich sogleich, und es hatte fast den Anschein, als hätte sie sich darauf vorbereitet und jetzt nur auf die erste Aufforderung gewartet: sie trat vor und blieb mitten auf der Terrasse, gegenüber dem im Lehnstuhl sitzenden Fürsten stehen. Alle sahen sie im ersten Augenblick erstaunt an, und fast alle, wenigstens die Mutter, die Schwestern und Fürst Sch. erschraken ein wenig; denn sie fürchteten, daß diese neue Unart vielleicht doch gar zu weit gehen könnte. Aus der Art und Weise, wie Aglaja vortrat und sich aufstellte, ersah man, daß sie an diesem ganzen affektierten Vortrag des Gedichts Gefallen fand. Es fehlte nicht viel, und Lisaweta Prokofjewna hätte sie mit einem strengen Verweis auf ihren Platz zurückgeschickt. Doch kaum hatte Aglaja die bekannte Ballade begonnen, als sich plötzlich zwei neue Gäste laut sprechend auf dem Parkwege der Terrasse näherten. Es waren das General Iwan Fedorowitsch Jepantschin und ein unbekannter junger Mann. Auf der Terrasse ging eine kleine Bewegung durch die Anwesenden.

VII.

Der junge Mann, in dessen Begleitung der General erschien, war eine große und schlanke Erscheinung mit einem klugen Gesicht und dunklen Augen, deren Blick sofort Scharfsinn und Spottlust verriet. Er zählte etwa achtundzwanzig Jahre. Aglaja blickte sich nicht einmal nach ihm um, sondern fuhr unbehelligt in ihrem Vortrag fort, und zwar wandte sie sich ausschließlich an den Fürsten Myschkin, der nun seinerseits begriff, daß sie mit diesem scheinbaren Scherz eine ganz bestimmte Absicht verfolgte. Zum Glück half ihm das Erscheinen der neuen Gäste ein wenig aus seiner unangenehmen Lage: er erhob sich sogleich, als er sie erblickte, nickte dem General von weitem zu und bat ihn durch einen Wink, den Vortrag nicht zu stören, worauf er hinter seinen Stuhl trat und, den linken Ellenbogen auf die Lehne stützend, die Ballade in gewissermaßen freierer Haltung zu Ende hören konnte. Lisaweta Prokofjewna hatte ihrerseits sogleich durch eine befehlende Handbewegung ihrem Gatten und dem fremden Herrn zu verstehen gegeben, daß sie dort stehen bleiben sollten, wo sie waren. Fürst Lew Nikolajewitsch interessierte sich übrigens ungeheuer für den neuen Gast, den ihm der General da zuführte: er erriet sofort, daß der junge Mann kein anderer sein konnte als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij, von dem er so viel gehört, und an den er oft gedacht hatte. Nur eines machte ihn stutzig: der junge Mann trug Zivilkleider, während doch Jewgenij Pawlowitsch, soviel er wußte, Offizier war und eine glänzende Uniform trug. Während des ganzen Vortrages der Ballade zuckte ein spöttisches Lächeln um den Mund des jungen Mannes, als wäre in seiner Gegenwart schon des öfteren vom ‚armen Ritter‘ die Rede gewesen.