„Vielleicht stammt sogar der ganze Einfall nur von ihm,“ dachte der Fürst bei sich.
Doch währenddem war mit Aglaja eine vollkommene Veränderung vor sich gegangen. Die affektierte Feierlichkeit, mit der sie begonnen hatte, war alsbald einem tiefen Ernst gewichen, und sie sprach jedes Wort so einfach und doch mit so innigem Verständnis aus, daß sie zum Schluß nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt, sondern auch die anfangs affektiert erschienene Feierlichkeit, mit der sie vorgetreten war, gleichsam gerechtfertigt hatte. Wenigstens konnte man jene Feierlichkeit nur noch als Ausdruck der Größe und, nun ja, auch Naivität ihrer Hochachtung auffassen, die sie für den ‚armen Ritter‘ hegte. Ihre Augen glänzten, und zweimal glitt kaum merklich ein leises Beben der Begeisterung über ihr entzückendes Gesicht, als sie die Ballade vortrug.
Wenn der Fürst später an Aglajas Vortrag dieser Ballade zurückdachte, peinigte ihn stets etwas für ihn ganz Unbegreifliches, und das war: wie sie einen so innigen, schönen Vortrag, der doch von ihrer Begeisterung für den Sinn der Ballade sprach, mit einer so boshaften Absicht, deren Spott doch auf der Hand lag, hatte vereinigen können? Daß sie ihn aber hatte verspotten wollen, daran zweifelte er keinen Augenblick. Den Spott hatte er sogleich herausgemerkt, und zwar aus folgendem: Aglaja hatte statt der drei Buchstaben A. M. D. drei andere Buchstaben, N. F. B., genannt. Daß sie es nicht aus Zerstreutheit oder sonstwie unbeabsichtigt getan, davon war er fest überzeugt – und mit Recht, wie sich später herausstellte. Jedenfalls war aber dann Aglajas, sagen wir, Scherz ein beabsichtigter. Und doch mußte er sich sagen, daß sie diese Buchstaben nicht nur ohne jeden Hohn oder Spott oder auch nur die leiseste Scherzhaftigkeit ausgesprochen hatte, sondern im Gegenteil mit so unverändertem Ernst, mit so unschuldiger und naiver Einfachheit, daß man sehr wohl hätte glauben können, vom Dichter seien in der Ballade gerade diese Buchstaben und keine anderen angegeben. Es war dem Fürsten bei diesen Gedanken zumute, als bohre sich etwas Schweres und Unangenehmes in ihn hinein. Lisaweta Prokofjewna war die Veränderung überhaupt nicht aufgefallen, und ihr Gatte, der General, begriff nur, daß „Verse“ deklamiert wurden – das genügte ihm. Allen übrigen dagegen war Aglajas Ausfall sogleich aufgefallen, und sie wunderten sich nicht wenig über sie; doch bemühte man sich, so zu tun, als wäre nichts vorgefallen, um so über die Sache hinwegzukommen. Nur Jewgenij Pawlowitsch hatte nicht bloß begriffen, sondern – darauf hätte der Fürst wetten mögen – schien auch zeigen zu wollen, wie gut er es begriffen hatte: so spöttisch lächelte er.
„Wundervoll! Ein prächtiges Gedicht!“ rief die Generalin aufrichtig entzückt aus, als Aglaja geendet hatte. „Von wem ist es?“
„Von Puschkin, maman, beschämen Sie uns nicht, das muß man doch wissen!“ sagte Adelaida lachend.
„Ach, wenn man mit euch zusammenlebt, kann man noch viel dümmer werden!“ meinte Lisaweta Prokofjewna nicht ohne Bitterkeit. „Freilich ist es eine Schande, Puschkin nicht zu kennen! Wenn wir nach Hause kommen, müßt ihr mir sofort den Puschkin geben.“
„Ich glaube, wir besitzen gar keinen Puschkin.“
„Doch, zwei alte, halb zerrissene Bände liegen dort irgendwo seit undenklichen Zeiten herum,“ sagte Alexandra.
„Dann müssen wir sogleich in die Stadt schicken, Fedor oder Alexei, mit dem nächsten Zug – besser Alexei, damit er die Gesamtausgabe kauft. Aglaja, komm her! Gib mir einen Kuß, du hast es vorzüglich vorgetragen, aber – wenn du es aufrichtig getan hast,“ fuhr sie fast flüsternd fort, „so tust du mir leid; hast du’s aber getan, um ihn zu verspotten, so heiß’ ich deine Gefühle nicht gut, so daß es dann jedenfalls besser gewesen wäre, du hättest geschwiegen. Verstehst du? So, und jetzt gehen Sie, mein Fräulein, ich werde noch später mit dir reden, wir aber sind hier doch etwas zu lange sitzen geblieben.“
Inzwischen hatte der Fürst den General begrüßt, worauf ihm dieser den mitgebrachten Gast als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij vorstellte.