„Unterwegs griff ich ihn auf, er war gerade mit dem letzten Zuge aus Petersburg gekommen. Als er erfuhr, daß ich mich hierherbegebe und auch die Meinigen alle hier sind ...“
„Als ich erfuhr, daß auch Sie hier sind,“ unterbrach ihn Jewgenij Pawlowitsch, „beschloß ich, da ich mir fest vorgenommen hatte, nicht nur Ihre Bekanntschaft zu machen, sondern mich auch um Ihre Freundschaft zu bewerben, weiter keine Zeit zu verlieren und die Gelegenheit zu benutzen. Sie sind krank gewesen, wie ich höre ...“
„Gewesen, jetzt jedoch bin ich wieder ganz gesund, und es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen. Ich habe durch Fürst Sch. viel von Ihnen gehört und sogar viel mit ihm über Sie gesprochen,“ sagte Fürst Lew Nikolajewitsch, indem er ihm die Hand reichte.
Die Begrüßungsworte waren ausgetauscht, sie drückten einander die Hand und blickten sich eine Sekunde lang prüfend in die Augen. Die Unterhaltung wurde im Handumdrehen allgemein. Der Fürst bemerkte übrigens (er bemerkte jetzt sehr vieles und sehr schnell, vielleicht aber auch manches, was gar nicht der Fall war), daß die Zivilkleidung Jewgenij Pawlowitschs ganz ungewöhnliches Aufsehen erregte und die Anwesenden so in Erstaunen setzte, daß im Augenblick alle übrigen Eindrücke vergessen wurden. Daher war es auch nur natürlich, wenn der Fürst in dieser Veränderung einen Umstand von besonderer Bedeutung und großer Wichtigkeit vermutete. Adelaida und Alexandra begannen Jewgenij Pawlowitsch erstaunt auszufragen, und Fürst Sch., der mit ihm verwandt war, schien sogar sehr beunruhigt zu sein. Der General war geradezu aufgeregt. Nur Aglaja betrachtete den jungen Mann mit vollkommener Ruhe, ganz als hätte sie nur feststellen wollen, was ihm wohl besser stand, die Uniform oder der Zivilanzug; doch kaum hatte sie ihn einmal von oben bis unten betrachtet, als sie sich auch schon abwandte, um ihn dann überhaupt nicht mehr zu beachten. Auch die Generalin stellte keine einzige Frage an ihn, obschon auch sie sich vielleicht beunruhigt fühlte. Dem Fürsten wollte es scheinen, daß Jewgenij Pawlowitsch bei ihr zurzeit in Ungnade stand.
„Ich fiel aus den Wolken! Ich traute meinen Augen nicht!“ war des Generals Antwort auf die Fragen der Damen. „Ich wollte es einfach nicht glauben, als ich ihm vorhin in Petersburg begegnete! Und weshalb so plötzlich, das ist das Problem! Sonst ist er doch der erste, der anderen den Rat gibt, nicht übereilt zu handeln.“
Wie aber aus dem folgenden Gespräch hervorging, hatte Jewgenij Pawlowitsch schon vor langer Zeit mitgeteilt, daß er den Abschied nehmen würde; doch hatte er es stets in einem so unernsten Tone gesagt, daß es ihm von niemand geglaubt worden war. Übrigens war es seine Eigenart, von allen ernsten Sachen unernst oder fast scherzend zu sprechen, so daß es wirklich schwer war, herauszufühlen, wie er es nun in Wirklichkeit meinte, namentlich, wenn er selbst wollte, daß die anderen es nicht herausbekämen.
„Aber ich werde ja doch nur kurze Zeit, nur ein paar Monate, höchstens ein Jahr in der Reserve bleiben,“ sagte er lachend.
„Aber wozu das, das ist doch ganz überflüssig, wenigstens soweit ich Ihre Verhältnisse kenne!“ konnte sich der General noch immer nicht beruhigen.
„Um meine Güter zu inspizieren. Dazu haben Sie mir doch selbst geraten; und zudem will ich auch mal ins Ausland ...“
Das Gespräch ging auf einen anderen Gegenstand über, doch die eigentümliche andauernde Unruhe bestärkte den Fürsten Lew Nikolajewitsch unwillkürlich in der Vermutung, daß es sich hier um etwas Besonderes handelte.