Doch der Fürst schritt bereits zur Tür, um sie den ungebetenen Gästen zu öffnen.

„Sie verleumden sie, Lebedeff,“ sagte er lächelnd, „Ihr Neffe hat Sie gar zu sehr betrübt. Glauben Sie ihm nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich versichere Sie, die Gorskys und Daniloffs[17] sind nur einzelne Fälle, diese hier aber ... irren sich nur ... Nur würde ich nicht gern hier in Gegenwart aller ... Verzeihen Sie, Lisaweta Prokofjewna, wenn ich die jungen Leute nur auf einen Augenblick hierherbitte, damit Sie sie sehen können, und sie dann wieder fortführe. – Bitte, meine Herren!“

Ihn beunruhigte weniger die bevorstehende Aussprache, als ein gerader qualvoller Gedanke: wie nun, wenn dieses Zusammentreffen, gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde, von irgend jemand absichtlich herbeigeführt worden war, um gerade diesen Zeugen nicht etwa seinen Sieg, sondern seine Niederlage zu zeigen? Doch das Quälendste waren die Vorwürfe, die er sich selbst wegen seines „schändlichen, schamlosen Argwohns“ machte. Er wäre gestorben vor Scham, wenn jemand um seine geheimen Gedanken gewußt hätte, und als die neuen Gäste auf die Terrasse hinaustraten, war er aufrichtig bereit, sich unter allen Anwesenden in sittlicher Beziehung für den Letzten der Letzten zu halten.

Auf die Terrasse traten im ganzen fünf Mann, vier neue Gäste und hinter diesen der alte General Iwolgin – höchst ereifert und aufgebracht und, wie gewöhnlich in solchen Fällen, von überströmender Redelust. „Der wenigstens wird zu mir halten!“ dachte der Fürst lächelnd. Mit Hippolyt war gleichzeitig auch Koljä wieder auf die Terrasse zurückgekehrt – Hippolyt war einer von den vieren. Koljä redete eifrig auf ihn ein, doch jener lächelte nur boshaft.

Der Fürst bat die Neueingetretenen, Platz zu nehmen. Sie waren aber alle noch so unausgewachsene Jungen, daß man sich über sie, ihr Vorhaben und die Umstände, die man mit ihnen machen mußte, nur wundern konnte. Iwan Fedorowitsch Jepantschin zum Beispiel, der von dieser ganzen „neuen Geschichte“ nichts wußte und nichts begriff, ärgerte sich sogleich über ihre Jugend und hätte sicherlich irgendwie gegen eine weitere Verhandlung protestiert, wenn ihn nicht dies unerklärliche Interesse seiner Gemahlin für die Privatangelegenheit des Fürsten stutzig gemacht hätte. Übrigens blieb er zum Teil auch aus Neugier und zum Teil aus Gutmütigkeit, in der Hoffnung, vielleicht auch helfen, doch jedenfalls durch seine Autorität von Nutzen sein zu können. Da aber wagte es der alte General Iwolgin, ihn von weitem zu grüßen, was Seine Exzellenz sogleich wieder so empörte, daß er beschloß, „finster und schweigend auszuharren“.

Übrigens war einer von den vier doch nicht mehr so ganz jung – so an die Dreißig; das war jener Unterleutnant aus der Rogoshinschen Rotte, „der Boxer“ genannt, der „einst selbst an die fünfzehn Rubel den Bettlern gegeben“. Er begleitete die übrigen drei als aufrichtiger Freund zur Unterstützung ihres Mutes und, falls erforderlich, auch ihrer Muskeln. Unter den übrigen drei spielte die erste Rolle natürlich derjenige, der von sich behauptete, Pawlischtscheffs Sohn zu sein; doch stellte er sich dessenungeachtet als Antip Burdowskij vor. Er war ein langer, magerer, blonder, junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, in ärmlicher Kleidung, die sich noch durch Unordentlichkeit, Schmierigkeit und fast spiegelblanke Ellenbogen auszeichnete; die Weste hatte er bis zum Halse zugeknöpft, die Wäsche war Gott weiß wo geblieben, die Krawatte war bis zur Unglaublichkeit fettig und fast zur Schnur zusammengerollt; die Hände waren ungewaschen, das Gesicht sehr finnig, und der Blick war, wenn man sich so ausdrücken kann, unschuldig-frech. Dennoch lag in seinem Gesicht keine Spur von Ironie oder Berechnung, sondern nur ein stumpfes Berauschtsein von seinem „Recht“ und gleichzeitig ein seltsames Etwas, das sein unersättliches Bedürfnis, beständig beleidigt zu sein oder sich beleidigt zu fühlen, mit ziemlicher Deutlichkeit verriet. Er sprach aufgeregt und schnell, blieb jedoch nach jeden drei Worten im Satz stecken, als wäre ihm das Stottern angeboren oder als wäre er ein Ausländer.

Ihn begleiteten der Neffe Lebedeffs, der den Lesern bereits bekannt ist, und Hippolyt. Diesen sah der Fürst zum erstenmal. Er war noch sehr jung, – siebzehn, höchstens achtzehn Jahre mochte er zählen; sein Gesicht hatte einen klugen, doch stets gereizten Ausdruck und zeigte deutlich die furchtbaren Anzeichen seiner Krankheit. Mager war er wie ein Skelett, seine Augen glänzten, und auf den eingefallenen Wangen von gelblich-bleicher Farbe zeichneten sich zwei rote Flecke ab. Er hustete sehr stark und sein Atmen hatte etwas Pfeifendes. Man sah es ihm sofort an, daß er im höchsten Grade schwindsüchtig war – zwei bis drei Wochen konnte er vielleicht noch leben. Er war erschöpft und ließ sich als erster auf einen Stuhl nieder. Die anderen waren im ersten Augenblick etwas zeremoniell und fast sogar schüchtern geworden, blickten indes doch noch möglichst wichtig drein und waren offenbar sehr darauf bedacht, sich nicht irgendwie eine gesellschaftliche Blöße zu geben, was mit ihrer Reputation, grundsätzliche Gegner aller unnützen gesellschaftlichen Formen, aller Vorurteile und fast alles übrigen außer der Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen zu sein, sehr sonderbar harmonierte.

„Antip Burdowskij,“ stellte sich eilig und doch stotternd der sogenannte „Sohn Pawlischtscheffs“ vor.

„Wladimir Doktorenko,“ sagte klar und deutlich und als wolle er sich damit brüsten, daß er ein Doktorenko war, der Neffe Lebedeffs.

„Keller!“ brummte kurz und nicht sehr laut der verabschiedete Unterleutnant.