„Er war ein Sproß unsrer einst so allmächtig gewesenen (de profundis!) Aristokratie, einer von jenen, deren Großväter bereits ihr ganzes Vermögen im Auslande auf grünen Tischen verzettelt, deren Väter dann ihr Leben als Junker und Leutnants fristen mußten und in der Regel wegen eines harmlosen Kassendefizits im Untersuchungsgefängnis starben, und deren Kinder jetzt entweder als Idioten vegetieren, gleich dem Helden unserer Erzählung, oder sich in Kriminalprozesse verwickeln, wofür sie übrigens – wohl infolge der neuen Erziehungs- und Besserungsprinzipien – von den Geschworenen freigesprochen werden; oder die schließlich für Unterhaltungsstoff sorgen, indem sie Stückchen losschießen, die das Publikum in Erstaunen setzen und unseren ohnehin schon beschämenden Zeitgeist zu einem noch beschämenderen machen.

„Vor etwa einem halben Jahre kehrte unser Adelssproß in ausländischen Stiefeletten und zitternd vor Kälte in einem ungefütterten Kapuzenmantel mitten im Winter nach Rußland zurück, und zwar kam er damals direkt aus der Schweiz, wo er sich längere Zeit aufhielt, um sich zu heilen; denn er war krank, und seine Krankheit war – die Idiotie. (Sic!) Man muß gestehen, daß ihm das Glück nicht abhold gewesen ist; denn von Idiotie geheilt zu werden, dürfte mehr Glück sein, als Fortuna je einem Sterblichen vergönnt hat. Man bedenke: von Idiotie! Und diese Gunst Fortunas läßt sich in seinem ganzen Leben nachweisen: als Säugling allein auf Erden zurückgeblieben – nach dem Tode eines Vaters, der infolge des Verlustes der Regimentskasse – im Kartenspiel, versteht sich – in Untersuchungshaft gestorben, vielleicht aber auch infolge einer für Untergebene in Menschengestalt zu reichlich bemessenen Prügelstrafe (Sie entsinnen sich wohl noch der alten Zeiten, meine Herrschaften?), war unser Adelssproß von einem äußerst reichen Gutsbesitzers aus Gnade und Mitleid erzogen worden. Dieser russische Gutsbesitzer – nennen wir ihn der Kürze halber Herrn P. – besaß in der alten goldenen Zeit seine viertausend Leibeigene (Leibeigene! Begreifen Sie diesen Ausdruck, meine Herrschaften? Ich nicht. Ich werde im Konversationslexikon nachschlagen: – ‚Jung ist die Sage, und doch kaum glaublich‘[18] kann man mit Gribojedoff sagen) und gehörte offenbar zu jenen Russen, die ewig auf der Bärenhaut liegen und ihre müßige Zeit im Auslande verbringen, im Sommer in Kurorten und im Winter in Paris, und dort gewöhnlich in einem Château des Fleurs, wo sie seinerzeit unermeßliche Summen zurückgelassen haben. Man kann ja doch fast positiv behaupten, daß wenigstens ein Drittel des ganzen zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland gezahlten Pachtzinses in die Hände der Besitzer des Pariser Château des Fleurs geflossen ist. (Muß das ein glücklicher Mensch gewesen sein!). Doch wie dem auch sei, jedenfalls ließ der sorglose Herr P. seinen Pflegling fürstlich erziehen, engagierte für ihn Erzieher und Gouvernanten (zweifellos recht hübsche), die er natürlich nicht vergaß, aus Paris selbst mitzubringen. Doch leider erwies sich der Sproß, der Letzte seines Stammes, als Idiot. Da half auch die ganze Kunst der Pariser Gouvernanten nichts, und bis zum zwanzigsten Lebensjahre erlernte ihr Zögling überhaupt keine Sprache, die russische nicht ausgenommen. Letzteres dürfte übrigens verzeihlich sein. Eines schönen Tages aber beglückte das ruhende Gehirn des Herrn P. der wundervolle Gedanke, daß man dem Idioten in der Schweiz ganz sicherlich zu gesundem Verstande verhelfen könne – ein Gedanke, der unter diesen Verhältnissen von einwandfreier Logik war: wie sollte ein Mensch seines Schlages nicht der Meinung sein, daß man für Geld selbst Verstand auf dem Markte kaufen könne, und noch dazu in der Schweiz! Für seinen Zögling folgten also fünf Jahre lang kalte Duschen in der Schweiz unter Aufsicht eines berühmten Professors, wie es sich von selbst versteht, und Geld ward für ihn ausgegeben zu Tausenden. Aus dem Idioten wurde natürlich kein Philosoph; aber immerhin entwickelte sich in ihm ein Quantum Verstand, das vorläufig genügte, um ihn wenigstens einen Menschen nennen zu können, allerdings nur mit knapper Not. Da aber stirbt Herr P. ganz unvorhergesehen. Ein Testament hinterläßt er selbstverständlich nicht, und selbstverständlich herrscht in seinen Vermögensverhältnissen die größte Unordnung; Erben aber gibt es mehr als genug, Erben, denen um die Heilung erblicher Idioten in der Schweiz nicht das allermindeste zu tun ist. Der Idiot war zwar ein Idiot, wußte aber dennoch so klug zu sein, daß er seinen Professor geschickt betrog und sich jahrelang umsonst von ihm behandeln ließ, indem er ihm den Tod P.’s verschwieg. Doch auch der Professor war nicht auf den Kopf gefallen: der völlige Geldmangel erschien ihm schließlich doch etwas bedenklich, und da der zunehmende Appetit seines fünfundzwanzigjährigen Zöglings die Sache für ihn noch bedenklicher machte, so entschloß er sich, seinen Patienten abzuschütteln, schenkte ihm seine alten Stiefeletten, desgleichen seinen alten Kapuzenmantel und expedierte ihn nach Rußland, indem er auch noch die Reise dritter Klasse aus seiner Tasche bezahlte. Nun sollte man meinen, Fortuna habe dem Jüngling fortan nur noch ihre Rückseite gezeigt, doch nein, – mitnichten! Sie, die ganze Gouvernements Hungers sterben läßt, schüttet plötzlich das Füllhorn ihrer Gaben über dem Haupte des aristokratischen Idioten aus, gleich der ‚Wolke‘ in Kryloffs berühmter Fabel, die über das dürre Feld zieht, ohne einen Tropfen Wassers zu spenden, und über dem Ozean einen ganzen Gewitterregen niedergehen läßt. Also geschah es auch hier: fast an demselben Tage, an dem der junge Mann in Petersburg eintrifft, stirbt in Moskau ein Verwandter seiner Mutter (der natürlich nur ein Kaufmann war), ein alter, kinderloser, griesgrämiger Altgläubiger mit einem langen Bart, und hinterläßt ein Kapital von mehreren Millionen, und dieses ganze unantastbare, bare Geld (wenn wir es doch hätten!) – alles das fällt unserem Idioten, der fürwahr mehr Glück als Verstand hat, ohne die geringsten Scherereien in den Schoß! Da zog natürlich alle Welt sogleich ganz andere Saiten auf: unser Baron in den alten Stiefeletten, der sich sofort in eine berühmte Schönheit und ebenso berühmte Mätresse verliebte, war in kürzester Frist von einer Schar von Freunden umgeben, es fanden sich sogar Verwandte ein, und bald ward er von einem ganzen Heer hochwohlgeborener junger Mädchen belagert, die nur noch eine Sehnsucht kannten: von ihm zum Altar geführt zu werden; denn er ist doch das Ideal eines Gatten: Aristokrat, Millionär und Idiot – was will man mehr? – alle guten Eigenschaften in einer Person! Einen solchen Mann kann man ja mit der Laterne suchen, ohne ihn zu finden, und selbst auf Bestellung könnte einem keiner einen zweiten solchen liefern! ...“

„Das ... das ist aber doch empörend!“ rief Iwan Fedorowitsch Jepantschin in höchster Entrüstung aus.

„Hören Sie auf, Koljä!“ rief ihm der Fürst beschwörend zu.

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

„Lesen! Um jeden Preis weiterlesen!“ befahl Lisaweta Prokofjewna kurz und bündig. Man sah es ihr an, daß sie nur noch mit Mühe an sich hielt. „Fürst!“ wandte sie sich an diesen, „wenn du ihn nicht weiterlesen läßt – sind wir Feinde!“

Es war also nichts zu machen, und Koljä, der vor Scham errötet war, fuhr mit erregter Stimme in der Lektüre fort.

„Doch während unser junger Millionär sozusagen im Überflusse schwelgt, geschieht etwas ganz Nebensächliches. Eines schönen Morgens erscheint bei ihm ein Herr mit einem ruhigen, strengen Gesicht, tadellos, doch unauffällig gekleidet, mit höflicher, würdiger und rechtschaffener Rede und mit augenscheinlich liberalen Ansichten. In zwei Worten erklärt er ihm den Grund seines Erscheinens: er ist ein bekannter Advokat, der von einem jungen Mann, in dessen Namen er erschienen ist, einen gewissen Auftrag erhalten hat, und jener ist nichts mehr und nichts weniger als der natürliche Sohn des verstorbenen Herrn P., wenn er auch einen anderen Namen trägt. Der alte Lüstling P. hatte ein ehrsames, armes Mädchen von seinem Gutsgesinde, das jedoch europäische Erziehung genossen, mit Hilfe seiner Gutsherrnrechte verführt und dann, als sich die Folgen seines Leichtsinns bemerkbar machten, schnell mit einem anderen verheiratet, mit einem Kaufmann oder, wie man sagt, sogar Beamten, der dieses Mädchen seit langem liebte. Zu Anfang der Ehe half er hin und wieder den Neuvermählten; doch bald wurde seine Hilfe von dem edelgesinnten Gatten der jungen Frau zurückgewiesen, und mit der Zeit vergaß Herr P. nicht nur die beiden Eheleute, sondern auch den Sohn, den sein ehemaliges Gutsmädchen bald nach ihrer Verheiratung ihrem – Gatten geboren hatte. Und dann kam, wie gesagt, ein Tag, an dem Herr P. unvorhergesehen starb, ohne ein Testament gemacht zu haben. Inzwischen war der Sohn, den der edeldenkende Gatte seiner Mutter wie seinen leiblichen Sohn erzogen hatte, nachdem er auch diesen seinen Pflegevater, dessen bürgerlichen Namen er trug, durch einen plötzlichen Tod verloren, ganz allein auf sich und seine Kraft angewiesen und mußte nicht nur für sich, sondern auch für seine alte, kranke, halbgelähmte Mutter sorgen. So zog er denn allein nach Petersburg, um durch Erteilung von Privatunterricht in Kaufmannsfamilien zuerst ein Gymnasium besuchen und nachher für ihn nützliche Lektionen nehmen zu können, da er als strebsamer, junger Mann höhere Ziele im Auge hatte. Doch wie weit kommt man mit Privatunterricht zu fünfzig Kopeken die Stunde, wenn man außer sich selbst auch noch eine kranke Mutter ernähren muß? Deshalb wäre auch der Tod seiner im Sterben liegenden Mutter keine besondere Erleichterung für ihn. Jetzt ist die Frage aufzuwerfen: Was hätte unser Adelssproß in diesem Falle tun sollen? Sie, meine verehrten Herren Leser, werden natürlich der Meinung sein, daß er folgendes bei sich gedacht habe: ‚Ich habe mein ganzes Leben lang von P. alles Gute erfahren; für meine Erziehung, meine Gouvernanten und meine Heilung von der Idiotie hat er Zehntausende ausgegeben. Jetzt besitze ich Millionen, der natürliche Sohn P.s jedoch muß bei seinem edlen Charakter durch Unterricht kümmerlich sein Leben fristen und unschuldig für die Sünden seines leichtsinnigen, vergeßlichen Vaters büßen. Alles, was er für mich ausgegeben hat, hätte er von Rechts wegen für ihn, seinen Sohn, ausgeben müssen. Diese riesigen, für mich ausgegebenen Summen hatte ich ja gar nicht verdient, das war ein blinder Irrtum der blinden Fortuna oder meines phantastischen Wohltäters. Wenn ich wirklich dankbar, zartfühlend und gerecht sein will, so muß ich jetzt seinem Sohne die Hälfte meiner gegenwärtigen Millionen geben. Da ich aber in allen Dingen ein berechnender Mensch bin und nur zu gut begreife, daß er gesetzlich nichts von mir verlangen kann, so werde ich ihm die Hälfte meiner Millionen nicht geben; da aber nichts geben doch gar zu gemein wäre, so muß ich ihm jetzt zum mindesten doch jene Zehntausende zurückgeben, die sein Vater für meine Heilung von der Idiotie ausgegeben hat. Damit tue ich nach meinem Gewissen und der Gerechtigkeit nur meine Pflicht und Schuldigkeit. Denn was wäre schließlich aus mir geworden, wenn sich P. nicht meiner, sondern seines natürlichen Sohnes erbarmt hätte?‘

Doch nein, meine verehrten Leser! Unsere Adelssprößlinge denken anders! Wie beredt auch der Advokat, der einzig aus Freundschaft und fast gegen den Willen des Jünglings die Sache übernommen hatte, dem gegenwärtigen Millionär und ehemaligen Idioten diese Pflicht der Ehre und Gerechtigkeit und sogar der logischen Berechnung vorhält, der in der Schweiz geschulte Idiot bleibt unerbittlich – und was tut er? Ja, was er tut, das läßt sich nicht mehr mit interessanten Krankheiten entschuldigen, das ist und bleibt unverzeihlich: dieser Millionär, der kaum aus den Stiefeletten seines Professors heraus ist, begreift nicht einmal, daß der edelgesinnte Sohn seines Wohltäters, der sich mit Privatunterricht abquält, nicht um eine gnädige Unterstützung bittet, sondern nur um das, was ihm von Rechts wegen zukommt, und nicht einmal selbst bittet, sondern daß nur von seinen Freunden für ihn gebeten wird. In aufgeblasenem Hochmut und berauscht von der Macht seiner Millionen, die es ihm jetzt erlauben, ungestraft die Machtlosen unter die Füße zu treten, zieht unser Adelssproß eine fünfzigrublige Banknote aus seinem Portemonnaie und schickt sie frech als Almosen dem edlen jungen Manne zu. Sie wollen es nicht glauben, meine verehrten Leser? Sie sind empört, beleidigt, Sie finden keine Worte – und dennoch: er hat es getan! Selbstverständlich ist ihm das Geld sogleich zurückgesandt, sozusagen ins Gesicht geworfen worden. Doch welch eine Lösung ist wohl jetzt, wie die Verhältnisse liegen, zu erwarten? Juridisch ist ihm nicht beizukommen, nach dem geschriebenen Gesetz kann man ihm nichts anhaben; es bleibt also nichts anderes übrig, als die Sache der Öffentlichkeit zu übergeben. So unterbreiten wir sie denn dem Urteil des Publikums, das wir zum Schluß noch der Wahrheit jedes geschriebenen Wortes versichern. Es heißt, daß einer unserer bekanntesten Humoristen, dem dieser Fall gleichfalls zu Ohren gekommen ist, ein köstliches Epigramm darauf verfaßt hat, das durchaus wert ist, selbst in Residenzblättern veröffentlicht zu werden, weshalb wir es denn hier auch noch anführen wollen:

Seit fünf Jahren schon trug Ljowa[19]