„Ich wunderte mich ja nur, daß es Herrn Burdowskij gelungen ist ... doch ... wenn Sie die Sache bereits an die Öffentlichkeit gebracht haben, weshalb waren Sie dann vorhin so beleidigt, als ich in Gegenwart meiner Freunde davon zu sprechen begann?“
„Endlich!“ stieß Lisaweta Prokofjewna halblaut hervor, indem sie gleichzeitig mit der Fußspitze aufschlug.
„Und dabei geruhen Sie noch, Fürst, mit Stillschweigen darüber hinwegzugehen,“ warf Lebedeff, der sich wie im Fieber hinter den Stühlen der anderen herumwand, diensteifrig ein, „jawohl, darüber hinwegzugehen, daß es einzig und allein Ihr guter und freier Wille und die unvergleichliche Güte Ihres Herzens war, diese Herren zu empfangen und anzuhören, und sie infolgedessen überhaupt kein Recht haben, von Ihnen eine Unterredung zu verlangen, um so weniger, als Sie, durchlauchtigster Fürst, bereits Gawrila Ardalionytsch mit der Führung dieser Sache betraut haben. Deshalb, durchlauchtigster Fürst, wird es Ihro Gnaden niemand verargen dürfen, wenn Ihro Gnaden jetzt den Wunsch aussprechen, diese Herren die Stufen hinunterbefördert zu sehen, was ich in meiner Eigenschaft als Hausbesitzer sogar mit ganz besonderem Vergnügen ...“
„Gewiß, das einzig Richtige!“ dröhnte plötzlich aus dem Hintergrunde die Stimme des alten Iwolgin.
„Genug, Lebedeff, hören Sie auf ...“ wollte der Fürst beginnen, doch ein ganzer Sturm von Ausrufen verschlang seine Worte.
„Nein, verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, jetzt ist’s mit einem ‚hören Sie auf‘ nicht abgetan!“ überschrie Lebedeffs Neffe alle anderen. „Vor allem tut jetzt not, daß man die Sache klar und deutlich hinstellt; denn offenbar versteht sie hier keiner richtig. Wie ich sehe, will man uns mit juristischen Winkelzügen einschüchtern, und man droht uns sogar, uns hinauszuwerfen! Aber halten Sie uns denn, Fürst, wirklich für zu dumm, um zu begreifen, daß wir, wenn wir juridisch gegen Sie vorgehen wollten, keinen Rubel von Ihnen zu verlangen das Recht hätten! Doch andererseits verstehen wir nur zu gut, daß es hier, wenn von juridischem Recht keine Rede sein kann, ein um so größeres menschliches, natürliches Recht gibt, das Recht der gesunden Vernunft und der Stimme unseres Gewissens, und wenn dieses Recht auch nicht in alten vermoderten Kodexen steht, so ist doch ein edler und ehrlicher Mensch, das heißt soviel wie ein Mensch mit gesunder Vernunft, dennoch verpflichtet, auch in solchen Punkten, die in keinem Kodex stehen, eben ein ehrlicher und edler Mensch zu sein und dementsprechend zu handeln. Deshalb sind wir auch hergekommen, ohne zu fürchten, daß man uns hinauswerfen wird – wie Sie soeben gedroht haben –, weil wir nicht bitten, sondern fordern ... und weil unser Besuch etwas spät ausgefallen ist – was jedoch mehr Ihre als unsere Schuld ist, denn Sie haben uns zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten lassen. Deshalb, wie gesagt, sind wir ohne Furcht zu Ihnen gekommen, weil wir Sie für einen Menschen mit gesunder Vernunft hielten, das heißt soviel wie für einen Mann von Ehre und Gewissen. Es ist wahr, wir sind nicht de- und wehmütig, nicht wie Bettler hier eingetreten, sondern erhobenen Hauptes, als freie Menschen, die wir sind, und durchaus nicht mit untertänigen Bitten, sondern mit einer freien und stolzen Forderung, ja, Forderung und nicht Bitte – merken Sie sich das! Und jetzt stellen wir ohne alle Winkelzüge frei und offen die Frage an Sie: Glauben Sie in dieser Angelegenheit im Recht oder im Unrecht zu sein? Geben Sie es zu oder geben Sie es nicht zu, daß Pawlischtscheff Ihr Wohltäter gewesen ist und Sie vielleicht vom Tode errettet hat? Wenn Sie das zugeben – und das tun Sie doch offenbar – so fragen wir Sie, ob Sie die Absicht haben, oder ob Sie es vor Ihrem Gewissen für gerecht oder ungerecht halten, wenn wir von Ihnen, nachdem Sie Millionen geerbt haben, einfach fordern, daß Sie dem natürlichen, doch darbenden Sohne Ihres Wohltäters das zurückzahlen, was Sie von seinem Vater ungerechterweise geschenkt erhalten haben? Ja oder nein? Wenn ja, das heißt mit anderen Worten: wenn Sie auch nur einen Funken von dem in sich haben, was Sie in Ihrer Sprache Ehre und Gewissen nennen, und was wir noch treffender mit gesunder Vernunft bezeichnen, so befriedigen Sie uns – und die Sache ist erledigt. Befriedigen Sie uns, ohne dabei auf Bitten und Dankbarkeit unsererseits zu rechnen, erwarten Sie sie nicht; denn Sie tun es ja doch nicht für uns, sondern für sich, weil die Gerechtigkeit es von Ihnen verlangt. Wollen Sie uns jedoch nicht befriedigen, das heißt: wenn Sie auf unsere Frage mit einem Nein antworten, so werden wir uns sofort zurückziehen und die Sache ist gleichfalls abgetan; doch werden Sie uns dann wohl gestatten, daß wir in Gegenwart all Ihrer Freunde und Zeugen Ihnen ins Gesicht sagen, daß Sie ein Mensch mit rohem Verstande sind und jedenfalls auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe stehen, und daß Sie hinfort nicht mehr das Recht haben, sich einen Mann von Ehre und Gewissen zu nennen, da Sie sich dieses Recht denn doch gar zu billig kaufen wollen. So, ich habe geendet. Die Frage ist gestellt! Lassen Sie uns doch jetzt hinauswerfen, wenn Sie es wagen. Sie haben ja die Macht dazu. Aber vergessen Sie nicht, daß wir dennoch fordern und nicht bitten!“
„Ja, fordern, fordern, fordern, und nicht bitten! ...“ stotterte Burdowskij, der vor Aufregung so rot geworden war wie ein Krebs.
Nach dieser Rede, die Lebedeffs Neffe mit viel Temperament gehalten hatte, ging eine allgemeine Bewegung durch die Gesellschaft: Ausrufe wurden laut, hier und da wurde getuschelt, geflüstert, obschon es alle außer Lebedeff sichtlich vermieden, sich in die Sache laut einzumischen. Lebedeff dagegen war wie im Fieber, und seltsam: obschon er bedingungslos zum Fürsten hielt, empfand er jetzt doch so etwas wie Familienstolz nach der Rede Doktorenkos und blickte sich im Kreise um, als wolle er sagen: „Und seht, das ist mein Neffe!“
„Meiner Ansicht nach,“ begann der Fürst, ziemlich leise, „meiner Ansicht nach haben Sie, Herr Doktorenko, in dem, was Sie soeben gesagt, zum Teil recht, sogar zum weit größeren Teil, und ich wäre mit Ihnen vollkommen einverstanden, wenn Sie in Ihrer Rede nicht etwas ganz aus dem Auge gelassen hätten. Was es freilich ist, was Sie übersehen haben, vermag ich nicht genau auszudrücken ... Doch kommen wir lieber zur Sache, meine Herren. Weshalb haben Sie diesen Artikel veröffentlicht? Jedes Wort in diesem Artikel ist doch eine Verleumdung. Ich finde, daß diese Veröffentlichung Ihrerseits eine Schändlichkeit ist.“
„Erlauben Sie! ...“