„Ich danke Ihnen,“ sagte sie nach einer Weile nachdenklich. „Es freut mich sehr, daß ich Mama gleiche. Dann achten Sie sie wohl sehr?“ fragte sie plötzlich, ohne die Naivität der Frage selbst zu gewahren.
„Sehr, sehr, und es freut mich, daß Sie das so ohne weiteres verstanden haben.“
„Und mich freut es, weil ich bemerkt habe, wie man bisweilen über sie ... lacht. Doch hören Sie nun die Hauptsache: ich habe es mir lange überlegt – und ich habe dann schließlich Sie erwählt. Ich will nicht, daß man zu Hause über mich lacht; ich will nicht, daß man mich für ein dummes Gänschen hält; ich will nicht, daß man mich aufzieht. Ich habe das sogleich bemerkt und deshalb Jewgenij Pawlowitsch sofort kategorisch abgewiesen, denn ich will auch nicht, daß man mich immer nur als Heiratsobjekt betrachtet! Ich will ... ich will ... einfach – ich will entfliehen, und Sie habe ich erwählt, damit Sie mir dabei behilflich sind.“
„Entfliehen!“ rief der Fürst aufs höchste erschrocken aus.
„Ja, ja, ja, aus dem Hause meiner Eltern entfliehen!“ wiederholte sie zornig, sich an ihrer eigenen Phantasie berauschend. „Ich will nicht, ich will nicht, daß man mich dort immer zwingt, zu erröten! Ich will vor keinem Menschen erröten, weder vor Fürst Sch., noch vor Jewgenij Pawlowitsch, noch vor sonst jemandem, und deshalb habe ich Sie erwählt. Mit Ihnen will ich über alles, alles reden, sogar über das Hauptsächlichste, sobald ich will. Das werde ich – aber auch Sie dürfen mir nichts verheimlichen. Ich will doch wenigstens mit einem Menschen über alles reden dürfen wie mit mir selbst. Die da – die begannen da plötzlich alle zu sagen, daß ich Sie erwarte und Sie liebe. Das war noch vor Ihrer Ankunft, und ich hatte ihnen Ihren Brief doch gar nicht gezeigt ... jetzt aber pfeifen es schon alle Spatzen auf dem Dach. Ich will dreist sein, dreist und mutig, und keinen Menschen fürchten. Ich will nicht mehr ihre Bälle besuchen, ich will Nutzen bringen. Ich habe schon längst entfliehen wollen. Zwanzig Jahre lang habe ich bei ihnen hinter Schloß und Riegel gelebt, und ewig wird davon geredet, daß ich heiraten soll. Schon mit vierzehn Jahren wollte ich fortlaufen, wenn ich auch sonst noch dumm war. Jetzt aber habe ich mir alles reiflich überlegt und nur auf Sie gewartet, um Sie über das Ausland auszufragen. Ich habe noch keinen einzigen gotischen Dom gesehen, ich will Rom sehen, ich will alle wissenschaftlichen Sammlungen besuchen, ich will in Paris studieren. Ich habe mich das ganze letzte Jahr schon dazu vorbereitet und gelernt, ich habe sehr viele Bücher gelesen, ich habe alle verbotenen Bücher durchgelesen. Alexandra und Adelaida dürfen alle Bücher lesen, ihnen ist es erlaubt, mir aber werden nicht alle gegeben, ich muß mir auch darin noch Vormundschaft gefallen lassen. Mit den Schwestern will ich deshalb nicht streiten, aber meiner Mutter und meinem Vater habe ich schon längst erklärt, daß ich meine soziale Stellung vollkommen verändern will. Ich habe beschlossen, mich mit Kindererziehung zu beschäftigen, und ich habe dabei auf Ihren Beistand gerechnet, denn Sie sagten doch, daß Sie Kinder lieben. Vielleicht können wir uns gemeinsam damit befassen, wenn auch nicht jetzt – aber warum schließlich nicht später einmal? Dann könnten wir beide der Welt Nutzen bringen. Ich will nicht mehr einzig und allein als Generalstochter weiterleben. Sagen Sie, sind Sie ein sehr gelehrter Mann?“
„Oh, durchaus nicht.“
„Das ist schade, ich aber dachte gerade ... nein, wie bin ich nur darauf gekommen, das zu denken? Aber Sie werden mich trotzdem leiten, ich habe Sie dazu erwählt.“
„Das ist doch alles ... sinnlos, Aglaja Iwanowna.“
„Ich will, ich will entfliehen!“ rief sie heftig, und wieder erglühten ihre Augen. „Wenn Sie nicht einwilligen, heirate ich Gawrila Ardalionytsch. Ich will nicht, daß man mich zu Haus für ein gemeines Frauenzimmer hält und mich Gott weiß wessen noch alles beschuldigt.“
„Sind Sie ... sind Sie von Sinnen!“ Der Fürst sprang fast auf vor Schreck. „Wessen beschuldigt man Sie, wer beschuldigt Sie?“