„Zu Hause tun’s alle, Mama, Alexandra, Adelaida, Papa, Fürst Sch., sogar Ihr dummer naseweiser Bengel Koljä! Wenn sie es auch nicht direkt sagen, so denken sie es doch. Ich habe es ihnen aber allen ins Gesicht gesagt, beiden, Mama sowohl wie Papa. Mama war den ganzen Tag krank; am nächsten Tage aber sagten mir Alexandra und Papa, daß ich selbst nicht wüßte, was ich da schwatzte und welche Worte ich gebrauchte. Ich sagte ihnen aber direkt ins Gesicht, daß ich bereits alles begriffe, alle Worte, daß ich kein Baby mehr sei, daß ich schon vor zwei Jahren absichtlich zwei Romane von Paul de Kock gelesen habe, um endlich alles zu erfahren. Als Mama das hörte, fiel sie sofort in Ohnmacht.“
Dem Fürsten kam plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er blickte Aglaja prüfend an ... und lächelte.
Er konnte es kaum glauben, daß er dasselbe unnahbare Mädchen vor sich hatte, das ihm einst mit so hochmütigem Stolz Gawrila Ardalionytschs Brief zurückgegeben hatte. Es schien ihm unerklärlich, wie sich in einer so kühlen, abweisenden Schönheit ein solches Kind verbergen konnte, ein Kind, das offenbar auch jetzt noch nicht „alle Worte begriff“.
„Haben Sie immer zu Hause gelebt, Aglaja Iwanowna?“ fragte er. „Ich meine – haben Sie nie eine öffentliche Schule besucht, sind Sie nie in einem Institut gewesen?“
„Nein, niemals und nirgends; ich habe immer nur zu Haus gesessen, wie in einer Flasche verkorkt, und aus der Flasche werde ich verheiratet. Worüber lachen Sie wieder? Ich sehe, daß auch Sie, wie es scheint, sich über mich lustig machen und zu den anderen halten,“ sagte sie schroff mit finster gerunzelter Stirn. „Ärgern Sie mich nicht, ich weiß ohnehin nicht, was mit mir geschieht ... ich bin überzeugt, Sie sind hierhergekommen in der Meinung, daß ich in Sie verliebt sei und Sie zu einem Stelldichein gerufen habe,“ versetzte sie gereizt.
„Gestern habe ich das in der Tat gefürchtet,“ verriet der Fürst in seiner treuherzigen Offenheit – er war äußerst verwirrt –, „doch heute bin ich überzeugt, daß Sie ...“
„Was!“ rief Aglaja ganz entsetzt aus, und ihre Unterlippe begann zu beben. „Sie haben gefürchtet, daß ich ... Sie haben zu denken gewagt, daß ich ... Herr des Himmels! Sie haben dann am Ende gar vermutet, daß ich Sie hergerufen habe, um Sie ins Netz zu locken und damit man uns dann hier antrifft und Sie zwingt, mich zu heiraten ...“
„Aglaja Iwanowna! Schämen Sie sich denn nicht! Wie kann ein so schmutziger Gedanke in Ihrem reinen, unschuldigen Herzen entstehen? Ich bin überzeugt, daß Sie an kein einziges Ihrer Worte glauben und ... selbst nicht wissen, was Sie sagen!“
Aglaja rührte sich nicht und blickte unverwandt zu Boden, als hätten ihre Worte sie jetzt selbst erschreckt.
„Ich schäme mich nicht ein bißchen,“ murmelte sie schließlich eigensinnig. „Woher wissen Sie, daß mein Herz unschuldig ist? Wie haben Sie mir damals einen Liebesbrief zu schreiben gewagt?“