„Einen Liebesbrief? Mein Brief soll ein – Liebesbrief gewesen sein! Das war der ehrerbietigste Brief, den ich je geschrieben habe; was ich Ihnen schrieb, strömte aus meinem Herzen in der schwersten Stunde meines Lebens! Ich entsann mich Ihrer, wie einer lichten Erscheinung ... ich ...“

„Nun gut, gut,“ unterbrach sie ihn plötzlich, doch bereits nicht mehr im alten Tone, sondern in aufrichtiger Reue und fast erschrocken, ja sie beugte sich sogar etwas näher zu ihm, jedoch immer noch bemüht, ihn nicht offen anzusehen, und sie schien ihn leise an der Schulter berühren zu wollen, um ihn noch dringender zu bitten, sich doch nicht zu ärgern. „Nun gut,“ sagte sie unsäglich beschämt. „Ich fühle, daß ich einen sehr dummen Ausdruck gebraucht habe. Das habe ich aber nur so ... nur, um Sie zu prüfen. Vergessen Sie es, tun Sie, als wäre es überhaupt nicht gesprochen. Und wenn ich Sie gekränkt habe, so verzeihen Sie mir. Sehen Sie mich, bitte, nicht so an, blicken Sie dorthin, wenden Sie sich von mir ab. Sie sagen, das sei ein schmutziger Gedanke: ich habe ihn aber absichtlich ausgesprochen, um Sie zu reizen. Bisweilen habe ich selber Angst vor dem, was ich sagen will, und dann plötzlich sage ich es doch. Sie sagten soeben, daß Sie diesen Brief in der schwersten Stunde Ihres Lebens geschrieben hätten ... Ich weiß, in welch einer Stunde das gewesen ist,“ fügte sie leise hinzu, den Blick wieder zu Boden gesenkt.

„O, wenn Sie alles wüßten!“

„Ich weiß alles!“ rief sie plötzlich von neuem erregt aus. „Sie lebten damals in ein und demselben Zimmer mit jenem gemeinen Weibe, mit dem Sie entflohen waren ...“

Sie wurde nicht rot, sondern bleich, als sie das sagte, und plötzlich erhob sie sich von der Bank, wie in Gedanken verloren, doch besann sie sich sogleich wieder und setzte sich: ihre Unterlippe fuhr noch lange fort, zu zucken. Das Schweigen dauerte wohl eine ganze Minute. Der Fürst war unsäglich betroffen durch diesen plötzlichen Umschlag in ihrem Wesen und wußte nicht, welch einer Ursache er ihn zuschreiben sollte.

„Ich liebe Sie ganz und gar nicht,“ sagte sie plötzlich auffallend unvermittelt und barsch – wie gehackt klang der Satz.

Der Fürst entgegnete hierauf nichts. Wieder schwiegen sie.

„Ich liebe Gawrila Ardalionytsch ...“ sagte sie dann hastig, jedoch kaum hörbar, und sie senkte noch mehr den Kopf.

„Das ist nicht wahr,“ sagte der Fürst, gleichfalls fast flüsternd.

„Sie wollen mich also Lügen strafen? Nein, es ist wahr: ich habe ihm vor drei Tagen hier auf dieser Bank mein Jawort gegeben.“