„Nun gut,“ fiel wieder Adelaida in ihrer schnellen Redeweise lustig ein, „aber wenn Sie ein solcher Kenner der Menschengesichter sind, so sind Sie gewiß auch verliebt gewesen, folglich habe ich ganz richtig geraten. Erzählen Sie also!“
„Ich bin nicht verliebt gewesen,“ antwortete der Fürst ebenso leise und ernst, „ich bin anders glücklich gewesen.“
„Wie das? Auf welche Weise?“
„... Gut, ich werde es Ihnen erzählen,“ sagte der Fürst nach einer Weile, wie in Gedanken verloren.
VI.
„Da sehen Sie mich nun alle mit solcher Neugier an,“ begann der Fürst, „daß Sie mir womöglich böse sein werden, wenn ich Sie nicht ganz zufriedenstelle. Doch – das sagte ich ja nur zum Scherz,“ fügte er schnell mit einem Lächeln hinzu.
„Dort ... dort gab es viele Kinder, und ich habe meine ganze Zeit mit Kindern zugebracht, nur mit Kindern. Das waren die Dorfkinder, die die Schule besuchten, eine ganze Schar. Ich kann nicht sagen, daß ich sie gerade unterrichtet hätte, o nein; denn sie hatten ja einen Schulmeister, Jules Thibaut; ich aber, nun ja – wenn ich sie auch unterwies, so war ich eigentlich doch nur so mit ihnen zusammen, und in dieser Weise vergingen die ganzen vier Jahre. Ich wollte auch nichts anderes. Ich habe ihnen alles erzählt, nichts habe ich ihnen verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten waren nicht wenig ungehalten über mich, denn die Kinder konnten zu guter Letzt gar nicht mehr ohne mich auskommen und saßen den ganzen Tag bei mir. Der Schulmeister war bald mein erbittertster Feind. Überhaupt machte ich mir dort viele Feinde, und immer nur wegen der Kinder. Sogar Schneider machte mir Vorwürfe. Und weshalb nur, was befürchteten sie denn? Einem Kinde kann man doch alles sagen, alles! Es hat mich oft stutzig gemacht, wie schlecht Erwachsene Kinder verstehen, selbst Väter und Mütter ihre eigenen Kinder. Kindern sollte man nichts verheimlichen, wie man es gewöhnlich unter dem Vorwande tut, daß sie zu jung seien, und es für sie noch zu früh sei, etwas zu wissen. Was das doch für eine traurige und klägliche Auffassung ist! Und wie gut es die Kinder begreifen, daß die Eltern sie für zu klein und zu dumm zum Verstehen halten, während sie doch tatsächlich alles verstehen! Die Erwachsenen wissen nicht, daß ein Kind sogar in der schwierigsten Angelegenheit einen äußerst guten Rat zu geben vermag. Mein Gott! wenn so ein Kind mit seinen hellen Augen wie ein kleiner Vogel einen treuherzig und glücklich ansieht – da muß man sich doch schämen, es zu belügen! Ich nenne sie deshalb kleine Vögel, weil es etwas Reizenderes als kleine Vögel nicht gibt. Übrigens hatte mir ein ganz besonderer Fall die Feindschaft des Dorfes eingetragen ... Thibaut übrigens war einfach neidisch. Anfangs schüttelte er nur den Kopf und wunderte sich, wie es zugehen mochte, daß die Kinder bei mir alles begriffen, bei ihm aber so gut wie überhaupt nichts. Und dann machte er sich über mich lustig, als ich ihm sagte, daß wir beide sie in nichts unterrichten könnten, daß im Gegenteil sie uns unterrichteten. Wie konnte er mich nur beneiden und verleumden, wenn er doch selbst unter Kindern lebte! Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele ... Dort in der Anstalt war ein Kranker, den Professor Schneider behandelte, ein armer Unglücklicher. Sein Unglück war so groß, daß man es kaum für möglich zu halten vermag, wie ein Mensch so etwas ertragen kann. Er sollte dort vom Irrsinn geheilt werden, doch meiner Ansicht nach war er nicht irrsinnig, sondern litt nur unsäglich – Leiden war seine ganze Krankheit. Wenn Sie wüßten, was diesem Menschen schließlich unsere Kinder wurden! ... Doch ich werde Ihnen lieber ein anderes Mal von diesem Kranken erzählen. Jetzt aber werde ich erzählen, wie das alles damals begann. Zu Anfang liebten mich die Kinder gar nicht. Ich war so lang und immer so unbeholfen; ich weiß, daß ich auch sonst häßlich bin ... und dann war ich auch noch ein Ausländer. Zuerst lachten sie nur über mich und begannen sogar, mit Steinen nach mir zu werfen, nachdem sie gesehen hatten, wie ich Marie küßte. Ich habe sie aber im ganzen nur ein einziges Mal geküßt ... Nein, lachen Sie nicht,“ unterbrach sich der Fürst, als er das Lächeln seiner Zuhörerinnen bemerkte, „ich küßte sie nicht, weil ich in sie etwa verliebt war. Wenn Sie wüßten, was für ein unglückliches Geschöpf sie war, Sie würden sie ebenso bemitleiden, wie ich es getan habe. Sie war ein Mädchen aus unserem Dorf. Ihre Mutter war eine alte, kranke Frau, die in ihrem kleinen, baufälligen Häuschen hinter dem einen der beiden kleinen Fenster mit Erlaubnis der Dorfobrigkeit einen Krämerladen eingerichtet hatte. Aus diesem Fenster verkaufte sie Stiefelschmiere, Garn, Tabak, Seife; lauter Kleinigkeiten, die wenig einbrachten, und von diesem kleinen Verdienst lebte sie. Sie war schon lange krank, ihre Füße waren geschwollen, so daß sie immer auf ein und demselben Fleck saß und sich nicht rühren konnte. Marie war ihre einzige Tochter, zwanzig Jahre alt, schwächlich und mager; sie war schon seit längerer Zeit schwindsüchtig, verrichtete aber trotzdem die schwerste Arbeit als Tagelöhnerin bei fremden Leuten: sie scheuerte die Fußböden, wusch Wäsche, fegte die Höfe rein, besorgte das Vieh. Nun geschah es, daß ein französischer Kommis auf der Durchreise ins Dorf kam, sie verführte und sie mit sich nahm. Er verließ sie jedoch schon nach einer Woche und fuhr heimlich davon. Sie machte sich zu Fuß auf den Heimweg, bettelte sich unterwegs das Notwendigste zusammen, bis sie dann endlich schmutzig und zerlumpt und mit zerrissenen Stiefeln wieder im Dorf ankam. Eine ganze Woche war sie gewandert; genächtigt hatte sie unter freiem Himmel und sich dabei natürlich erkältet. Ihre Füße und Hände waren wund und geschwollen. Sie war auch früher nicht hübsch gewesen, nur ihre Augen waren so still und gut und unschuldig. Auffallend an ihr war ihre Schweigsamkeit. Früher hatte sie einmal bei der Arbeit zu singen begonnen, und da hatten alle sie ganz erstaunt angesehen, bis sie in Lachen ausgebrochen waren: ‚Marie singt! Denkt doch, Marie singt!‘ Marie aber soll sehr verlegen gewesen sein, und seit dem Tage hat sie niemand mehr singen hören. Damals war man noch freundlich zu ihr gewesen; als sie nun aber krank und erschöpft zurückkehrte, da hatte kein einziger auch nur das geringste Mitleid für sie übrig! Wie grausam die Menschen doch sind! Was für enge Begriffe sie haben! Ihre Mutter war die erste, die sie mit bösen Worten und offener Verachtung empfing. ‚Du hast mich jetzt entehrt,‘ sagte sie. Und die Mutter gab sie auch als erste der Schande und den Schmähungen der anderen preis. Als man im Dorf erfuhr, daß Marie zurückgekehrt war, lief alles hin, um sie zu sehen: fast das ganze Dorf versammelte sich in der Hütte der Alten – Greise, Kinder, Weiber, Mädchen, alle eilten neugierig herbei. Marie kniete zu Füßen der Mutter, hungrig und zerlumpt, und schluchzte. Als nun die Menschen sich so in die Stube drängten, um die Sünderin zu betrachten, verbarg Marie ihr Gesicht im aufgelösten Haar und warf sich in ihrer Verzweiflung auf den Fußboden, wo sie schluchzend liegen blieb. Alle, die sie rings umstanden, blickten auf sie herab, als wäre sie irgendein Geschmeiß gewesen. Die Männer verurteilten sie schonungslos, die jüngeren lachten und machten sich über sie lustig, am meisten aber schalten die Weiber, die sie wie eine scheußliche Spinne oder etwas noch Ekelhafteres behandelten. Und die Mutter ließ das zu, saß dabei, nickte mit dem Kopf und fand es ganz in der Ordnung. Die Alte war damals von den Ärzten bereits aufgegeben. Nach zwei Monaten starb sie denn auch. Sie wußte, daß ihre Tage gezählt waren, aber sie söhnte sich nicht mit der Tochter aus, ließ sie im kalten Vorhaus schlafen und gab ihr kaum etwas zu essen. Die kranken Füße der Alten mußten alle paar Stunden in warmes Wasser gesetzt werden, was Marie denn auch pünktlich und sorgsam tat. Sie wusch ihr die Füße und pflegte sie überhaupt aufopfernd. Die Alte aber nahm alle Dienste der Tochter als etwas Selbstverständliches hin und sagte ihr nicht einmal ein freundliches Wort. Marie ertrug alles, und wie ich später bei näherer Bekanntschaft sah, empfand sie diese Behandlung von seiten der Mutter als vollkommen gerecht und hielt sich selbst für die Verworfenste aller Verworfenen. Als man dann die Alte in ihren letzten Wochen zu Bett hatte legen müssen, kamen die Dorfweiber abwechselnd zu ihr, um sie zu pflegen, wie es dort Sitte ist. Nun bekam Marie überhaupt nichts mehr zu essen; im ganzen Dorf wurde sie verfolgt, und man wollte ihr nicht einmal Arbeit geben wie früher. Alle spien hinter ihr her, und die Männer betrachteten sie wohl überhaupt nicht mehr als ein Weib – solche Schändlichkeiten sagten sie ihr. Nur sehr selten, wenn sie sich betranken, Sonntags gewöhnlich, warfen sie ihr in der Trunkenheit zum Spott ein Kupferstück hin, so – einfach auf die Erde, und Marie hob es schweigend auf. Sie hustete damals bereits sehr stark und begann Blut zu speien. Schließlich hingen ihre Kleider nur noch wie Lumpen an ihrem Körper, so daß sie sich schämte, sich im Dorf zu zeigen. War sie doch seit ihrer Rückkehr immer nur barfuß gegangen! Da begannen denn besonders die Kinder – es waren ihrer dort eine ganze Schar, mindestens vierzig Schulrangen – ja, besonders die Kinder begannen, sie zu necken und ihr mit Straßenschmutz nachzuwerfen. Sie bat den Hirten, daß er ihr erlauben möge, seine Kühe zu hüten, aber der Hirt jagte sie davon. Sie jedoch nahm eine Gelegenheit wahr und zog ohne seine Erlaubnis mit der Herde hinaus und blieb den ganzen Tag fort, worauf der Hirt einsah, daß sie ihm großen Nutzen bringen konnte, und sie nicht mehr fortjagte und ihr bisweilen sogar die Überreste seiner Mahlzeit gab, etwas Käse und Brot. Das hielt er natürlich für eine große Gnade. Als ihre Mutter endlich gestorben war und beerdigt wurde, schämte sich der Pastor nicht, sie öffentlich zu schmähen, und er tat das noch dazu in der Kirche. Marie stand in ihren Lumpen hinter dem Sarge und weinte. Viel Volks hatte sich versammelt, um zu sehen, wie sie weinen und hinter dem Sarge hergehen würde. Da hub der Pastor an – er war ein noch junger Mensch, der den Ehrgeiz hatte, ein großer Redner zu werden – wandte sich an alle Anwesenden und wies auf Marie. ‚Seht, dort steht sie, die die Schuld am Tode dieser alten Frau trägt,‘ begann er – es war gar nicht wahr, denn die Alte war doch ganze zwei Jahre lang krank gewesen – ‚seht, da steht sie nun vor euch und wagt nicht, den Blick zu erheben; denn der Zorn des Herrn ruht auf ihr! Da steht sie barfuß und in Lumpen – ein Beispiel aus der Schar jener, die den Pfad der Tugend verlassen! Und wer ist sie? Wer ist sie, die diese fromme Frau ins Grab gebracht? Sie ist ihre – Tochter!‘ – und so weiter, immer in demselben Ton. Und können Sie sich so etwas denken: diese Gemeinheit gefiel allen! Doch ... da kam etwas anderes dazwischen: die Kinder traten für sie ein; denn damals waren sie bereits alle auf meiner Seite und hatten Marie gern. Das war folgendermaßen geschehen: Ich wollte etwas für Marie tun, man mußte ihr Geld verschaffen, denn sie hatte es sehr nötig. Ich besaß aber – dort, bei Schneider – nie Geld. Dafür hatte ich eine kleine Krawattennadel mit einem Brillanten, die verkaufte ich an einen Aufkäufer alter Sachen; es war dort gerade einer, der von Dorf zu Dorf fuhr und mit alten Kleidern handelte. Er gab mir acht Franken, während die Nadel wenigstens vierzig wert war. Darauf bemühte ich mich lange Zeit vergeblich, Marie einmal allein zu treffen. Endlich gelang es mir: wir begegneten uns hinter dem Dorf auf einem einsamen Fußsteig, der auf die Berge hinaufführte, gerade hinter einem Baum. Ich gab ihr die acht Franken und sagte ihr, daß sie sparsam mit ihnen umgehen müsse; denn mehr Geld hätte ich nicht, und dann küßte ich sie und sagte, sie solle nicht denken, daß ich irgendeine schlechte Absicht hätte, daß ich sie nicht deshalb geküßt, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern nur, weil sie mir sehr leid täte und ich sie niemals für schuldig, sondern nur für sehr unglücklich halten würde. Ich wollte sie gern noch etwas trösten und ihr klarmachen, daß sie sich doch nicht für so tief unter den anderen stehend zu halten brauche; aber ich sah es ihr an, daß sie mich nicht verstand, obschon sie kein Wort sagte, mit gesenktem Blick vor mir stand und sich entsetzlich schämte. Als ich geendet hatte, beugte sie sich plötzlich nieder und küßte mir die Hand, worauf ich sofort ihre Hand nahm, um sie gleichfalls zu küssen, doch sie zog sie erschrocken zurück. Da tauchten plötzlich die Kinder auf, eine ganze Schar. Wie ich später erfuhr, hatten sie mich beobachtet und waren mir sogar heimlich gefolgt. Kaum hatten sie uns erblickt, als sie auch schon in ein Hohngelächter ausbrachen, pfiffen, schrien und in die Hände klatschten. Marie lief natürlich fort, so schnell sie nur konnte. Ich wollte zu den Kindern reden, aber sie warfen mit Steinen nach mir. Noch am selben Abend wußte es das ganze Dorf, und Marie mußte dafür büßen: sie wurde noch mehr verfolgt und gehaßt. Wie ich hörte, wollte man sie sogar gerichtlich zu einer Strafe verurteilen lassen, doch zum Glück kam es nicht so weit. Dafür aber ließen die Kinder sie keinen Augenblick mehr in Ruhe: sie schalten sie mit häßlichen Worten, warfen ihr Schmutz nach, trieben sie fort, und sie mußte mit ihrer schwachen Brust laufen, keuchend, atemlos, die Kinder mit Geschrei hinter ihr her. Einmal trat ich der Schar entgegen und prügelte mich sogar mit den Jungen. Dann begann ich mit ihnen zu reden. Und so redete ich jeden Tag, wenn sich nur Gelegenheit dazu bot. Bisweilen blieben sie dann stehen und hörten zu, wenn sie auch das Schelten noch nicht ließen. Ich erzählte ihnen, wie unglücklich Marie sei, und bald hörten sie auf, sie zu verfolgen und gingen nur schweigend fort, wenn sie kam. Mit der Zeit begannen sie auch mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns; ich verheimlichte ihnen nichts, ich erzählte ihnen alles. Sie hörten mir sehr neugierig zu und bald empfanden auch sie Mitleid mit Marie. Einzelne von ihnen gingen sogar so weit, daß sie sie jetzt freundlich grüßten, wenn sie ihr begegneten. Es ist dort Sitte, daß einander Begegnende, gleichviel ob sie sich kennen oder nicht, ‚Grüß Gott‘ sagen. Ich kann mir denken, wie erstaunt Marie anfangs gewesen sein muß. Einmal hatten zwei kleine Mädchen sich irgendwoher Essen verschafft, und kamen dann zu mir, um es mir zu erzählen. Sie sagten, Marie habe angefangen zu weinen, und sie hätten sie jetzt sehr lieb. Es dauerte nicht lange, und sie wurde von allen geliebt, und durch sie gewannen die Kinder auch mich plötzlich lieb. Von der Zeit an kamen sie oft zu mir und baten mich, ihnen zu erzählen. Ich glaube, ich habe nicht schlecht erzählt, denn sie hörten mir sehr gern zu. Späterhin lernte und las ich nur zu dem Zweck, um ihnen dann das Gelesene erzählen zu können, und so habe ich ihnen ganze drei Jahre lang erzählt. Als mich dann später alle, selbst Schneider nicht ausgenommen, verurteilten, weil ich mit ihnen wie mit Erwachsenen redete und ihnen nichts verheimlichte, sagte ich, daß man sich schämen müßte, Kinder zu belügen, daß sie ja sowieso alles wüßten, wie sehr man es auch vor ihnen geheimhalten wollte. Wenn sie all das dann aber im Leben erfahren würden, dann würden sie es als etwas Schmutziges erfahren, von mir aber erführen sie es als etwas Reines. Es sollte, meinte ich, doch ein jeder nur daran denken, wie es gewesen war, als er selbst noch ein Kind war. Die Menschen waren aber anderer Meinung ... Daß ich Marie geküßt hatte, war ungefähr zwei Wochen vor dem Tode ihrer Mutter gewesen, so daß die Kinder, als der Pastor die Beerdigungsrede hielt, schon alle auf meiner Seite waren. Ich erklärte ihnen unverzüglich die ganze Schändlichkeit dieser Rede, und sie wurden alle böse auf ihn, einige sogar in dem Maße, daß sie mit Steinen seine Fensterscheiben einwarfen. Ich verbot es ihnen natürlich, denn das ging doch nicht an; aber im Dorf hatte man schon den ganzen Zusammenhang erfahren, und alle beschuldigten mich, daß ich die Kinder verderbe. Gleichzeitig erfuhren sie auch den Grund: daß die Kinder Marie liebten – und sie erschraken unsäglich. Marie aber war glücklich. Den Kindern wurde strengstens verboten, mit ihr zusammenzukommen. Da liefen sie denn heimlich fort und stahlen sich auf Umwegen zur Herde, die sie hütete. Es war ziemlich weit – eine gute halbe Werst vom Dorf. Und sie brachten ihr Leckerbissen, die sie sich selbst abgespart, oder sie liefen auch nur so hin, um sie zu grüßen und zu streicheln und ihr zu sagen: ‚Ich hab dich lieb, Marie‘. Und dann liefen sie blitzschnell wieder nach Hause. Marie war wie von Sinnen vor Glück: es kam so plötzlich, daß sie gar nicht wußte, wohin damit! So etwas hatte sie ja nie im Traume für möglich gehalten. Sie schämte sich und war doch selig. Die Kinder aber, namentlich die Mädchen, liefen gern zu ihr hin, um ihr zu sagen, daß ich sie liebe und ihnen sehr viel von ihr erzähle. Sie erzählten ihr sogar, daß ich ihnen alles gesagt hätte, und daß sie sie jetzt liebten und bemitleideten, und daß es immer so bleiben würde. Und von ihr kamen sie dann eilig zu mir gelaufen, um mir mit freudigen Gesichtchen und geschäftigen Mienen höchst wichtig mitzuteilen, daß sie soeben Marie gesehen und gesprochen hätten, und daß sie mich grüßen lasse. Am Abend ging ich dann zum Wasserfall: dort war eine rings von Pappeln umstandene, einsame Stelle, die man vom Dorfe aus nicht sehen konnte, und dorthin kamen sie dann zu mir gelaufen, viele nur ganz heimlich. Das war unser Versammlungsort. Ich glaube, meine Zuneigung zu Marie war für sie von ungeheurem Reiz, und so habe ich ihnen denn nur in dieser einen Beziehung nicht die Wahrheit gesagt: ich ließ sie in dem Glauben, daß ich Marie tatsächlich liebe, das heißt, daß ich in sie verliebt sei, während sie mir doch nur leid tat; ich ersah aus allem, daß es ihnen so besser gefiel, wie sie es sich selbst zurechtgelegt hatten; und deshalb schwieg ich und tat, als hätten sie das Geheimnis erraten. Und wie zartfühlend und zärtlich diese kleinen Herzen waren! Unter anderem schien es ihnen ganz ungehörig, daß Marie, die von ihrem guten Lew geliebt wurde, so schlecht gekleidet war und sogar barfuß ging. Und können Sie sich denken: sie verschafften ihr Schuhe und Strümpfe und Wäsche und sogar ein Kleid – wie sie das fertigbrachten, begreife ich heute noch nicht! Jedenfalls wird sich die ganze Schar zusammengetan und mit vereinten Kräften am großen Werk gearbeitet haben. Als ich sie fragte, wie sie das angestellt hätten, lachten sie nur fröhlich, und die kleinen Mädchen klatschten in die Hände und kamen zu mir gelaufen und küßten mich. Auch ich ging bisweilen zu Marie, aber gleichfalls nur heimlich. Sie wurde immer schwächer und konnte bald kaum noch gehen. Aber trotzdem schleppte sie sich an jedem Morgen hinaus und ging mit der Herde mit und saß dort im Freien, den ganzen Tag: sie setzte sich etwas abseits an einen steilen, fast senkrechten Abhang auf einen kleinen Vorsprung, dort lag am äußersten Rande ein großer Stein, ganz verborgen hinter Felsvorsprüngen. Und dort saß sie fast regungslos, vom Morgen bis zum Abend, bis zu dem Augenblick, wenn die Herde heimkehren mußte. Sie war von der Schwindsucht so entkräftet, daß sie gewöhnlich mit geschlossenen Augen saß, den Kopf an den Fels gelehnt, schwer atmend, und so verträumte sie halb schlummernd den ganzen Tag. Ihr Gesicht war so mager geworden, daß man glauben konnte, ein Skelett vor sich zu haben, und auf der Stirn und an den Schläfen trat immer Schweiß hervor. So traf ich sie regelmäßig an, wenn ich sie aufsuchte. Ich blieb nicht lange bei ihr, denn ich wollte nicht, daß man mich mit ihr zusammen sehen sollte. Kaum näherte ich mich ihr, so zuckte sie auch schon zusammen, schlug die Augen auf, und dann stürzte sie mir entgegen, um meine Hände zu küssen. Das verbot ich ihr nicht, denn sie war glücklich, wenn sie es tun konnte. Die ganze Zeit, solange ich bei ihr saß, zitterte und weinte sie. Sie begann allerdings ein paarmal zu sprechen, aber es war schwer, sie zu verstehen. Sie war dann wie von Sinnen, doch weiß ich nicht, ob es nur krankhafte Erregung war oder inneres Entzücken. Bisweilen kamen auch die Kinder mit mir zu ihr. Dann stellten sie sich gewöhnlich nicht weit von uns auf und bewachten und beschützten uns vor weiß Gott was oder wem, und dann waren sie sehr froh. Wenn wir fortgingen, blieb Marie wieder allein zurück, und saß wieder regungslos mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Felswand gelehnt; vielleicht träumte sie von irgend etwas. Eines Morgens aber konnte sie nicht mehr mit der Herde mitgehen und blieb in ihrem alten, leeren Häuschen. Das hatten die Kinder bald erfahren, und sie besuchten sie fast alle an diesem Tage. Sie lag mutterseelenallein in ihrem armseligen Bett. Die ersten zwei Tage wurde sie nur von den Kindern gepflegt, die abwechselnd zu ihr liefen, so daß die einen die anderen ablösten, dann jedoch, als man im Dorfe erfuhr, daß Marie im Sterben liege, gingen auch die alten Dorfweiber zu ihr, um sie nicht ganz allein zu lassen und um sie zu pflegen. Wahrscheinlich begann man jetzt im Dorf, sie zu bemitleiden wenigstens hielt man die Kinder nicht mehr zurück, wenn sie zu ihr laufen wollten. Marie lag die ganze Zeit über wie im Halbschlummer, doch hatte sie keinen ruhigen Schlaf: sie hustete entsetzlich. Die alten Weiber ließen aber die Kinder nicht mehr in ihre Stube, und so liefen die Kleinen immer unter ihr Fenster, um ihr von draußen ‚Guten Tag, liebe, gute Marie‘ zuzurufen. Marie aber war, sobald sie wieder ein Kleines hinter dem Fenster erblickte oder nur hörte, sogleich wie neu belebt und mühte sich mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte, ohne auf die alten Weiber zu hören, sich im Bett etwas aufzurichten, sich auf den Ellbogen zu stützen, und dann nickte sie ihnen mit dem Kopf zu und dankte. Die Kinder brachten ihr nach wie vor ihre kleinen Leckerbissen, aber sie aß fast nichts mehr. Sie können mir glauben, daß sie durch die Liebe der Kinder mit Glück im Herzen starb. Die Liebe der Kinder ließ sie ihr trostloses Elend vergessen, sie empfing von ihnen gleichsam die Vergebung ihrer Sünden; denn sie hielt sich bis zum Tode für eine große Verbrecherin. Sie kamen wie kleine Vögel an ihr Fenster geflogen und riefen ihr an jedem Morgen einen Gruß zu und sagten: ‚Wir haben dich lieb, Marie!‘ Sie starb sehr bald. Ich dachte bis zuletzt, daß sie noch länger leben würde. Am Abend vor ihrem Tode, kurz vor Sonnenuntergang, besuchte ich sie. Ich glaube, sie erkannte mich, und ich drückte ihr zum letztenmal die Hand. Wie abgezehrt diese Hand war! Und plötzlich am nächsten Morgen kamen sie und sagten, daß Marie gestorben sei. Da konnte man die Kinder nicht mehr zurückhalten: sie schmückten den ganzen Sarg mit Blumen und setzten ihr einen Kranz aufs Haar. Der Pastor sagte kein schlechtes Wort über die Tote in seiner Leichenrede. Es waren nur sehr wenige zugegen, nur so – aus Neugier waren einige gekommen; doch als man den Sarg hinaustragen wollte, stürzten alle Kinder herbei, um ihn selbst zu tragen. Natürlich waren sie zu schwach dazu, sie konnten beim Tragen höchstens etwas helfen, aber dennoch liefen sie alle mit und alle weinten herzbrechend. Maries Grab wurde von ihnen unermüdlich mit Blumen geschmückt, und ringsum wurden von ihnen kleine Rosenstöcke gepflanzt ... Seit dieser Beerdigung wurde ich vom ganzen Dorf der Kinder wegen verfolgt. Meine größten Feinde und die Hauptanstifter dieser Verfolgung waren der Pastor und der Schulmeister. Den Kindern wurde strengstens verboten, mit mir Umgang zu pflegen, und Schneider verpflichtete sich sogar, mich besser zu beaufsichtigen und Annäherungen zu verhindern. Aber wir kamen dennoch zusammen oder verständigten uns, wenn es nicht anders ging, von ferne durch verschiedene Zeichen, oder sie schickten mir heimlich ihre kleinen Briefe. Späterhin hörte das übrigens wieder auf, und wir brauchten nicht mehr heimlich zu verkehren. Aber es war doch hübsch so: ich trat ihnen gleichsam noch näher dadurch, daß ich verfolgt wurde. Im letzten Jahre kam es zwischen mir und meinen beiden Feinden, Thibaut und dem Pastor, sogar zu einer halben Aussöhnung. Schneider stritt oft mit mir über mein schädliches ‚System‘ zur Kindererziehung und redete viel darüber. Aber was hatte ich denn für ein System! Schließlich sagte er mir noch etwas sehr Sonderbares – einen Gedanken, den er über mich hatte ... und das war kurz vor meiner Abreise. Er sagte mir, er habe sich überzeugt, daß ich selbst ein vollständiges Kind sei, ein wirkliches Kind, daß ich nur dem Alter und dem Äußern nach einem Erwachsenen ähnlich sähe, in jeder geistigen Beziehung dagegen, in der ganzen psychischen Entwicklung, als Charakter, als Seele – und vielleicht sogar meinen Verstand nicht ausgenommen – sei ich kein Erwachsener, und so würde ich bleiben, wenn ich auch sechzig Jahre alt würde. Ich lachte nicht wenig, als er mir das gesagt hatte, natürlich hat er nicht recht, denn – nicht wahr – was bin ich denn für ein Kind? Nur eines ist wahr: ich bin tatsächlich nicht gern mit Erwachsenen zusammen, mit großen Menschen, daß habe ich selbst bemerkt, – nicht gern, weil ich es nicht verstehe, mit ihnen zusammen zu sein. Was sie auch reden, und wie gut sie auch zu mir sein mögen, ich fühle mich doch nicht wohl in ihrer Gesellschaft, es ist mir aus irgendeinem Grunde schwer zumute, und ich bin sehr froh, wenn ich zu meinen kleinen Freunden gehen kann, und das sind von jeher Kinder gewesen – nicht, weil ich selbst ein Kind bin, sondern ich fühle mich eben immer zu ihnen hingezogen. Als ich noch zu Anfang meines Aufenthaltes dort im Dorf umherstrich und die einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegnete mir bisweilen um die Mittagszeit die ganze Schar der Dorfkinder, die aus der Schule mit Täschchen und Schiefertafeln schreiend, lachend, spielend und streitend nach Hause eilte, und meine ganze Seele strebte dann zu ihnen hin. Ganz plötzlich kam es. Ich weiß nicht, was es war, aber mich ergriff jedesmal ein großes Glücksempfinden, wenn ich ihnen begegnete. Ich blieb stehen und lachte vor Glück, wenn ich diese kleinen Beinchen sah, die so flink und unermüdlich durcheinanderliefen, diese kleinen Buben und Mädel, die in bunter Schar nach Hause eilten, dazu ihr Lachen und ihre Tränen – denn viele hatten unterwegs Zeit genug, sich zu balgen und zu weinen, sich zu versöhnen und von neuem zu spielen – und vergaß dann mein Leid. Und die ganzen drei folgenden Jahre konnte ich deshalb auch nicht begreifen, warum die Menschen sich grämen. Ich wollte den Kindern mein ganzes Leben widmen. Ich hatte es mir ja nicht träumen lassen, daß ich jemals das Dorf verlassen und gar nach Rußland zurückkehren würde. Es schien mir, daß ich ewig dort bleiben sollte, aber dann sah ich selbst ein, daß Schneider mich doch nicht ewig unterhalten konnte, und hinzu kam gerade noch eine Angelegenheit von so großer Wichtigkeit, daß Schneider selbst mir zur unverzüglichen Abreise riet und mir auch das nötige Reisegeld vorstreckte. Ich will nun sehen, was es damit eigentlich für eine Bewandtnis hat. Ich werde mich wohl zuerst an einen Rechtsanwalt wenden müssen, damit er mir wenigstens einen Rat erteilt; denn ich selbst habe keine Ahnung, wie man solche Sachen anfassen muß. Es ist möglich, daß meine Verhältnisse sich sehr bald ändern werden ... aber das ist ja nicht die Hauptsache! Wichtig ist vielmehr, daß sich mein ganzes Leben geändert hat. Ich habe viel dort zurückgelassen, gar zuviel. Alles Bekannte liegt jetzt weit zurück. Als ich im Waggon saß, dachte ich: ‚Jetzt gehe ich zu den erwachsenen Menschen; vielleicht weiß ich noch nichts von ihnen, vielleicht – jedenfalls beginnt jetzt ein neues Leben.‘ Ich beschloß, meine Aufgabe ehrlich und in Treue zu erfüllen. Ich werde es vielleicht schwer haben unter den Menschen und werde mich einsam fühlen. Ich will aber, so beschloß ich, gegen alle ehrlich und offen sein – mehr wird doch niemand von mir verlangen. Vielleicht wird man mich auch hier für ein Kind halten, – nun gut! Mich halten jetzt alle aus irgendeinem Grunde für einen Idioten ... ich war allerdings einmal so krank, daß ich fast einem Idioten glich. Aber wie kann ich denn jetzt ein Idiot sein, wenn ich doch selbst sehr wohl begreife, daß man mich für einen Idioten hält? Wenn ich irgendwo eintrete, denke ich: ‚Da hält man mich nun für einen Idioten, aber ich bin ja doch bei vollem Verstande, und das errät man hier nicht einmal.‘ Diesen Gedanken habe ich sogar sehr oft. Als ich in Berlin die ersten kleinen Briefe meiner kleinen Freunde erhielt, begriff ich erst, wie sehr ich sie liebte. Es tut weh, wenn man einen ersten Brief erhält. Wie traurig sie waren, als wir Abschied nahmen! Schon einen ganzen Monat vor meiner Abreise fingen wir an, Abschied voneinander zu nehmen. ‚Léon geht fort, Léon geht für immer fort!‘ sagten sie tieftraurig. Wir versammelten uns jeden Abend am Wasserfall, wie wir es auch früher getan hatten, und sprachen nur davon, wie wir uns trennen würden. Mitunter ging es ebenso heiter her wie früher; nur wenn wir bei Anbruch der Nacht auseinandergingen, umarmten sie mich geradezu krampfhaft, was sie früher nicht getan hatten. Einige von ihnen kamen ganz allein und heimlich, so daß niemand sie sah, zu mir gelaufen, nur um mich unter vier Augen umarmen und küssen zu können. Sie waren zu verschämt, um es in Gegenwart anderer zu tun. Und als ich dann endlich fortfuhr, begleitete mich die ganze Schar bis zur Station. Die war etwa eine Werst weit von unserem Dorf. Sie bezwangen sich, um nicht zu weinen, doch viele konnten die Tränen nicht unterdrücken und weinten laut, besonders die kleinen Mädchen. Wir mußten schnell gehen, um uns nicht zu verspäten; doch plötzlich warf sich bald dieses, bald jenes mitten auf dem Wege mir entgegen, umklammerte mich mit seinen kleinen Ärmchen und küßte mich – und hielt uns alle dadurch auf – die anderen Kinder aber blieben, obschon wir eilen mußten, jedesmal gleichfalls stehen und warteten so lange, als unsere Umarmung dauerte. Und als ich schon im Waggon saß und der Zug sich in Bewegung setzte, riefen sie alle ‚Hurra!‘ und standen noch lange und sahen dem Zuge nach. Auch ich sah noch lange aus dem Fenster ... Wissen Sie, als ich vorhin hier eintrat und Ihre lieben Gesichter erblickte, – ich betrachte jetzt immer sehr aufmerksam die Gesichter der Menschen – und als ich Ihre Worte hörte, da wurde mir zum erstenmal wieder leicht ums Herz. Ich war auch sogleich bereit, mich für ein Glückskind zu halten: ich weiß ja, daß man Menschen, die man auf den ersten Blick liebgewinnt, nicht so leicht findet, Sie aber sind die ersten, die ich hier, kaum daß ich angekommen bin, kennen gelernt habe. Ich weiß sehr wohl, daß die Menschen im allgemeinen sich schämen, von ihren Gefühlen zu reden, Ihnen aber erzähle ich von meinen Gefühlen und schäme mich nicht. Ich bin menschenscheu und werde vielleicht lange Zeit nicht zu Ihnen kommen. Nur fassen Sie das, bitte, nicht falsch auf: ich sage es nicht, weil ich Sie nicht schätze, und denken Sie auch nicht, daß ich Ihnen irgend etwas übelgenommen habe. Sie fragten mich, inwiefern ich Sie durch Ihre Gesichter kenne, was ich aus ihnen herauszulesen weiß, – jetzt werde ich es Ihnen gern sagen. Sie, Adelaida Iwanowna, Sie haben ein glückliches Gesicht, das sympathischste von allen dreien. Ganz abgesehen davon, daß Sie sehr hübsch sind, denkt man, wenn man Sie ansieht: ‚Sie hat das Gesicht einer guten Schwester.‘ Sie kommen einem einfach und heiter entgegen, doch verstehen Sie auch, das Innere der Menschen zu erraten. Das wäre es, was mir aus Ihrem Gesicht zu sprechen scheint. Sie, Alexandra Iwanowna, haben gleichfalls ein schönes und ein sehr liebes Gesicht, aber Sie haben vielleicht irgendeinen geheimen Kummer; Sie sind zweifellos ein herzensguter Mensch, aber Sie sind nicht eigentlich fröhlich. Sie haben einen gewissen ... einen ganz besonderen Zug im Gesicht, ähnlich der Holbeinschen Madonna in Dresden. Nun, das wäre Ihr Gesicht. Habe ich das Richtige erraten? Sie sind ja doch der Meinung, daß ich es erraten könne. Und was nun Ihr Gesicht betrifft, Lisaweta Prokofjewna,“ wandte er sich plötzlich an die Generalin, „so scheint es mir nicht nur, sondern ich bin sogar fest überzeugt, daß Sie ein vollständiges Kind sind, in jedem, in jedem guten wie jedem schlechten Sinne, obschon Sie eine bejahrte Frau sind. Sie nehmen es mir doch nicht übel, daß ich so offen rede? Sie wissen doch, was ich für Kinder übrig habe, und wieviel ich von ihnen halte. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen alles das über Ihre Gesichter aus bloßer Einfalt so offen gesagt habe – o nein, durchaus nicht! Vielleicht habe auch ich meine Gedanken dabei gehabt.“
VII.
Als der Fürst geendet hatte, blickten ihn alle mit heiteren Gesichtern an, selbst Aglaja nicht ausgenommen, doch vor allen Lisaweta Prokofjewna.
„Da habt ihr ihn jetzt examiniert!“ rief sie aus. „Nun, was, meine verehrten Damen, ihr dachtet wohl, daß ihr ihn noch protegieren würdet, so als armen Jungen – und dabei würdigt er euch nur gerade noch seiner Bekanntschaft, und auch das noch mit der Randbemerkung, daß er nur selten kommen werde. Wer sind jetzt die Dummen? Natürlich wir. Das freut mich. Aber am meisten ist’s doch Iwan Fedorowitsch. Bravo, Fürst, wir wurden vorhin beauftragt, Sie zu examinieren. Und was Sie da von meinem Gesicht sagten, ist vollkommen richtig: ich bin ein Kind, das weiß ich selbst. Das wußte ich schon vor Ihnen. Sie haben nur meinen Gedanken in einem einzigen Wort ausgedrückt. Ihren Charakter halte ich dem meinen für vollkommen ähnlich, und das freut mich sehr. Wie zwei Tropfen Wasser. Nur sind Sie ein Mann und ich bin eine Frau und bin nicht in der Schweiz gewesen; das ist der ganze Unterschied.“