X.

Im Vorzimmer wurde es sofort sehr geräuschvoll und lebendig; wie es den im Empfangszimmer Zurückgebliebenen schien, traten dort mehrere Menschen ein, denen noch andere auf der Treppe folgten. Mehrere Stimmen sprachen durcheinander, Ausrufe und Stimmen wurden auch im Treppenhaus laut, zu dem die Tür offenbar noch nicht wieder geschlossen worden war. Der Besuch mußte allerdings kein gewöhnlicher sein. Alle blicken einander fragend an. Ganjä besann sich als erster und eilte in den „Salon“, doch trat ihm dort schon eine ganze Schar Menschen entgegen.

„Ah, da ist ja der Judas!“ rief eine dem Fürsten bekannte Stimme aus. „Guten Tag, Ganjä, du Schuft!“

„Da, da ist er ja!“ ertönte eine andere Stimme.

Jetzt konnte der Fürst nicht mehr zweifeln: das waren Rogoshin und Lebedeff.

Ganjä stand wie betäubt in der Tür zum Salon und sah stumm, ohne zu protestieren zu, wie etwa zehn bis zwölf Menschen Parfen Rogoshin ins Zimmer folgten. Die ganze Rotte bestand aus recht verschiedenartigen Leuten, doch zeichneten sie sich nicht nur durch ihre Verschiedenartigkeit, sondern noch viel mehr durch ihre Unanständigkeit aus. Einige traten im Mantel oder im Pelz ins Zimmer. Wirklich Betrunkene freilich gab es unter ihnen nicht, doch waren sie alle zum mindesten in „stark gehobener“ Stimmung. Wie es schien, bedurfte ein jeder aller anderen, um einzutreten; denn als einzelner hatte niemand den Mut dazu, alle zusammen aber ermutigten sich gegenseitig und stießen und schoben sich durch die Tür. Selbst Rogoshin, der an der Spitze der Schar stand, trat nicht ganz sicher vor, doch sah man ihm an, daß er eine bestimmte Absicht hatte. Sein Gesicht war finster, gereizt und unruhig. Die anderen jedoch bildeten gewissermaßen nur den Chor, oder richtiger, eine Bande zu seiner Unterstützung. Außer Lebedeff befand sich unter ihnen noch der wie ein „Friseurgehilfe“ geschniegelte und gekräuselte Saljosheff, der seinen Pelz im Vorzimmer abgeworfen hatte und als Stutzer selbstbewußt und mit übertriebener Liebenswürdigkeit eintrat; ferner zwei, drei andere Herren von derselben Art, augenscheinlich junge Kaufleute, Kommis; irgendeiner steckte in einem Uniformmantel; ferner war ein kleiner und auffallend dicker Mann darunter, der beständig lachte; und dann ein Riese, der gleichfalls sehr dick war, dafür aber sehr finster und durchaus stumm schien, und der sich offenbar sehr auf seine Fäuste verließ. Außer diesen erschienen noch ein Student der Medizin und ein windiges, scharwenzelndes Polenkerlchen. Aus dem Treppenflur blickten noch zwei Damen ins Vorzimmer, doch wagten sie nicht recht, einzutreten. Koljä besann sich plötzlich, schlug ihnen die Tür vor der Nase zu und schob den Riegel vor.

„Guten Tag, Ganjä, du Schuft! Was, hast wohl Parfen Rogoshin nicht erwartet?“ fragte Rogoshin, der in der Tür des Empfangszimmers vor Ganjä stehen geblieben war.

Da erblickte er plötzlich sich gegenüber auf dem Sofa in der anderen Zimmerecke – Nastassja Filippowna. Sicherlich hatte er alles andere eher erwartet, als sie hier anzutreffen; denn der Schreck lähmte ihn geradezu: er erbleichte dermaßen, daß selbst seine Lippen weiß wurden.

„Dann ... dann ist es also wahr!“ brachte er leise, halb wie zu sich selbst hervor, und der Blick seiner Augen war wie verloren. „Alles aus! ... Nun ... Wart’, das sollst du mir jetzt büßen!“ knirschte er plötzlich in unbändiger Wut, zu Ganjä gewandt. „Nun ...“ stieß er wieder kurz und rauh hervor. „Oh,“ und seine Nägel preßten sich in die Handflächen.

Er schien nach Atem zu ringen, nur mit Mühe stieß er die Worte hervor. Mechanisch trat er näher, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er plötzlich Nina Alexandrowna und Warjä erblickte, und verwirrt blieb er stehen, trotz seiner ganzen, ungeheuren Erregung. Nach ihm trat sofort Lebedeff ins Zimmer; er folgte ihm wie sein Schatten und war wohl der am stärksten berauschte. Dann folgten der Student, der Riese mit den Fäusten, Saljosheff, der nach links und rechts seine Bücklinge machte, und schließlich preßte sich auch noch der kleine Dicke durch das Gedränge an der Tür und trat etwas vor. Die Anwesenheit von Damen hielt sie alle noch zurück, war ihnen sichtlich unangenehm, störte sie in ihrem Vorhaben. Doch selbstverständlich konnte das nur anfangs vorhalten, nur bis zur ersten Veranlassung, loszuschreien und zu – beginnen ... Dann hätten sie wohl alle Damen der Welt nicht mehr aufzuhalten vermocht.