„Ich möchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines bemerken, als Kuriosität,“ unterbrach Stawrogin plötzlich die Stille. „Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrängen? Auch Pjotr Stepanowitsch ist überzeugt, ich allein könnte ihre ‚Fahne erheben‘, – wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, ich wäre fähig, für sie die Rolle eines Stenka Rasin[38] zu spielen, dank meiner ‚ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen‘ – gleichfalls seine Worte.“
„Wie? Dank Ihrer ‚ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen?‘“ fragte Schatoff.
„Hm! ... Aber ist es wahr,“ fragte Schatoff mit einem bösen Lächeln, „daß Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollüstigen Gesellschaft gehört haben? Daß Sie sich selbst gerühmt haben, der Marquis de Sade hätte von Ihnen noch lernen können? Daß Sie Kinder zu sich gelockt und verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lügen! Stawrogin kann nicht lügen – vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat! Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf der Stelle totschlagen!“ schrie Schatoff wie wahnsinnig.
„Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan,“ sagte Stawrogin schließlich, aber erst nach einem gar zu langen Schweigen.
Er war erblaßt und seine Augen glühten.
„Aber Sie haben es gesagt!“ fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen sprühenden Blick von ihm abzuwenden. „Und ist es wahr, daß Sie versichert haben, Sie wüßten keinen Schönheitsunterschied zwischen irgendeinem wollüstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher Heldentat, und wäre es selbst das Opfer des Lebens für die Menschheit? Ist es wahr, daß Sie in beiden Polen die gleiche Schönheit fanden, den gleichen Genuß?“
„So zu antworten ist unmöglich ... ich will nicht antworten,“ murmelte Stawrogin, der jetzt sehr gut hätte aufstehen und fortgehen können und doch nicht aufstand und nicht fortging.
„Ich weiß es auch nicht, warum das Böse häßlich und das Gute schön ist, aber ich weiß, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und seinesgleichen,“ ließ Schatoff, am ganzen Körper bebend, nicht davon ab. „Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll, schändlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und Gemeinheit schon an Genialität grenzte! Oh, Sie schlendern nicht bloß so am Rande, Sie stürzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft, die hierin lag, war schon gar zu verführerisch! Stawrogin! und eine häßliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krüppelig ist! – Als Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust? Empfanden Sie sie? Müßiger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden Sie sie?“
„Sie sind Psychologe,“ sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde, „obschon Sie sich in den Gründen meiner Heirat teilweise irren ... Wer hat Ihnen übrigens all dieses mitteilen können? ...“ Er zwang sich zu einem Spottlächeln. „Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht zugegen ...“