Von Lembke errötete und wußte nichts zu sagen.
„Wo haben Sie es denn gefunden?“ fragte er unsicher, mit einem Zustrom von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt zurückzudrängen suchte.
„Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach Hause kam, irgendwie nachlässig auf die Kommode geworfen haben. Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit, die Sie mir da beschert hatten!“
Lembke senkte streng die Augen.
„Zwei Nächte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es, so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am Tage keine Zeit, mußte es also in der Nacht tun. Na, und – kann nichts dafür: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch übrigens zum Teufel damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreißen konnte ich mich doch nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fünfte Kapitel, die ... die sind ... weiß der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab’ ich gelacht! Nein, wirklich, Sie verstehen es, etwas lächerlich zu machen, sans que cela paraisse![124] Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewiß gefühlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab’s mir gleich so gedacht. Na, aber für den Schluß könnte ich Sie einfach verprügeln. Was ist denn das für eine Idee, die Sie da durchführen? Das ist ja doch dieselbe alte Vergötterung des Familienglücks nebst Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und ‚wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heut‘! – ich bitte Sie! Zuerst bezaubern Sie den Leser geradezu, so daß selbst ich mich nicht losreißen konnte, – aber desto gemeiner ist doch dann solch ein Schluß! Der Leser bleibt genau so dumm, wie er war; man hätte doch kluge Menschen reden lassen sollen, Sie aber ... Na, genug davon, und jetzt adieu! Ärgern Sie sich nächstens nicht wieder. Ich kam eigentlich, um Ihnen ein paar Worte zu sagen, aber Sie sind ja heute so eigentümlich ...“
Von Lembke hatte inzwischen seinen Roman in einen eichenen Bücherschrank verschlossen und Blümer zugewinkt, das Zimmer zu verlassen, was der denn auch mit langem Gesichte tat.
„Ich bin heute keineswegs eigentümlich, es sind da nur ... so viele Unannehmlichkeiten,“ murmelte Herr von Lembke und runzelte die Stirn, doch schon ohne Zorn, und er setzte sich an den Schreibtisch. „Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen,“ sagte er freundlicher, „nur fliegen Sie nächstens nicht so hastig ins Zimmer, mit Ihren Manieren, die ... zuweilen, bei der Arbeit, ist man ...“
„Was meine Manieren betrifft ...“
„Ich weiß, ich weiß, Sie haben es ja nicht mit Absicht getan, aber gerade bei so unangenehmer Arbeit, Sie verstehen schon ... Setzen Sie sich, bitte.“
Pjotr Stepanowitsch warf sich sogleich ungeniert auf den Diwan und zog die Beine unter den Stuhl.