Ich eilte sogleich zu meinem Freunde.
Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des längeren eingegossen, doch noch nicht angerührt war. Stepan Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich über seine Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags gewöhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum daß er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und Rock an – was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine Hand.
„Enfin un ami!“[126] (Er atmete tief auf.) „Cher, ich habe nur zu Ihnen allein geschickt und sonst weiß noch niemand etwas davon. Man muß Nastassja sagen, daß sie die Türen schließt und keinen Menschen hereinläßt, außer natürlich jene, falls sie ... Vous comprenez?“[111]
Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete. Selbstverständlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen auszufragen, und so erfuhr ich denn schließlich, nach zahllosen Unterbrechungen und unnützen Zwischensätzen, daß um sieben Uhr morgens „plötzlich“ ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ...
„Pardon, j’ai oublié son nom. Il n’est pas du pays, aber ich glaube, Lembke hat ihn mitgebracht, quelque chose de bête et d’allemand dans la physionomie. Il s’appelle Rosenthal.“[127]
„Rosenthal? Hieß er nicht Blümer?“
„Blümer? Ja, richtig, Blümer hieß er. Vous le connaissez? Quelque chose d’hébété et de très content dans la figure, pourtant très sévère, roide et sérieux.[128] Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, je m’y connais.[129] Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich, auf meine ‚Bücher und Manuskripte‘ einen Blick werfen zu dürfen, oui, je m’en souviens, il a employé ce mot.[130] Er hat mich nicht arretiert, sondern nur die Bücher ... Il se tenait à distance,[131] und als er seinen Besuch zu erklären begann, da sah er aus, als ob ich ... enfin il avait l’air de croire que je tomberai sur lui immédiatement et que je commencerai à le battre comme plâtre. Tous ces gens du bas étage sont comme ça,[132] wenn sie es mit einem anständigen Menschen zu tun haben. Natürlich begriff ich sofort alles. Voilà vingt ans que je m’y prépare![133] Ich öffnete vor ihm alle Schubfächer und übergab ihm alle Schlüssel. Ich übergab sie selbst, ich habe ihm alles selbst übergeben. J’étais digne et calme.[134] Von den Büchern nahm er die ausländische Ausgabe Herzens, ein gebundenes Exemplar der ‚Glocke‘, vier Abschriften meiner Dichtung et enfin tout ça.[135] Dann noch Papiere und Briefe et quelques unes de mes ébauches historiques, critiques et politiques.[136] Das alles haben sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schürze bedeckt. Oui, c’est cela,[137] mit einer Schürze.“
Das war ja Wahnsinn. Wer hätte hier etwas begreifen können? Ich suchte Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blümer ganz allein erschienen, oder waren, außer dem Soldaten, noch andere mit ihm gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas wagen können? Womit hatte er es erklärt?
„Il était seul, bien seul, übrigens war noch jemand dans l’antichambre, oui, je m’en souviens, et puis[138] ... Übrigens, ich glaube, es war außerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine Wache. Man muß Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen. J’étais surexcité, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de choses[139] ..., übrigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt, natürlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... J’étais surexcité, mais digne, je vous l’assure.[140] Ich fürchte übrigens, daß ich, ich glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krämer nebenan genommen ...“
„Aber wie hat sich das alles nur zutragen können! So sprechen Sie doch um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein Traum, den Sie da erzählen!“