Wir saßen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf irgendetwas – es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte sich wieder hin, schloß sogar die Augen und lag ungefähr zwanzig Minuten ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so daß ich bereits glaubte, er sei eingeschlafen. Plötzlich aber erhob er sich jäh, riß das Handtuch vom Kopf, sprang vom Diwan auf und stürzte zum Spiegel, um sich sofort eine neue weiße Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben.

„Ich kann’s nicht mehr aushalten,“ sagte er, „ich kann nicht, ich kann nicht! ... Ich gehe selbst.“

„Wohin?“ Auch ich sprang auf.

„Zu Lembke. Cher, ich muß, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht. Ich bin ein Bürger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte, ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er muß mir alles sagen, alles. Er hat gewiß ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht quälen. Wenn schon, denn schon – dann soll er mich lieber sofort verhaften, verhaften, verhaften!“

Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich überschlug, und stampfte mit den Füßen.

„Ich gebe Ihnen vollkommen recht,“ sagte ich absichtlich so ruhig wie nur möglich, obgleich ich nicht wenig für ihn fürchtete. „Das ist wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie aussehen. Wie können Sie denn so zu Lembke gehen? Il faut être digne et calme avec Lembke.[162] Man könnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, daß Sie sich auf jemanden werfen und ihn beißen!“

„Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des Löwen ...“

„Ich gehe natürlich mit Ihnen.“

„Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an, als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum Hause: denn Sie dürfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch weiter mit mir zu kompromittieren. O, croyez-moi, je serai calme! In diesem Augenblick fühle ich mich à la hauteur de tout ce qu’il y a de plus sacré[163] ...“

„Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen,“ unterbrach ich ihn. „Gestern hat mich nämlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki benachrichtigt, daß man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner, oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gästen die Plätze aufsuchen und dabei eine weißrote Schleife an der linken Schulter tragen müssen. Ich wollte zuerst abschlagen – aber warum soll ich jetzt nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide zusammen.“