Er hörte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er nichts verstanden.

Wir standen schon an der Tür.

„Cher,“ rief er plötzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in der das Lämpchen brannte, „cher, ich habe nie an das da geglaubt, aber ... lassen Sie mich, lassen Sie!“ und er bekreuzigte sich. „Allons!“[164]

„– Ist recht so,“ dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause trat, „unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...“

Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschüttern sollte und ihn endgültig vorwärts trieb ... so daß ich, ich muß gestehen, eine solche Kühnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar nicht erwartet hätte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund!

Fünfzehntes Kapitel.
Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen

I.

Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war gleichfalls eines von den sonderbaren. Doch ich muß wohl alles in derselben Reihenfolge erzählen, in der es sich zugetragen hat. Ungefähr eine Stunde bevor wir, Stepan Trophimowitsch und ich, aus dem Hause traten, schob sich durch die Stadt, von vielen neugierig betrachtet, ein Menschenhaufe von etwa siebzig oder mehr Mann: es waren Arbeiter der Spigulinschen Fabrik. Sie zogen ruhig, würdevoll, fast stumm und absichtlich in der strengsten Ordnung durch die Straßen. Später wurde behauptet, daß diese Leute als Abgesandte der etwa neunhundert Arbeiter, die es im ganzen in der Fabrik gab, sich tatsächlich nur aufgemacht hätten, um beim Gouverneur ihr Recht zu suchen, da der Fabrikdirektor in Abwesenheit der Besitzer sie bei der Entlassung und Abrechnung schmählichst betrogen hatte – eine Tatsache, die heute keinem Zweifel mehr unterliegt. Andere behaupten freilich, daß siebzig Mann viel zu viel für eine Schar Abgesandte gewesen seien, und daß der Haufe aus den am meisten Geschädigten bestanden habe, die auf diese Weise einfach für sich selbst hätten bitten wollen; – jedenfalls aber will niemand von den siebzig einen „allgemeinen Arbeiter-Aufstand“ zugeben, von dem die Zeitungen hernach so fettgedruckt zu erzählen wußten. Wieder andere behaupten, diese siebzig Mann seien allerdings keine „gewöhnlichen“, dafür aber „politische“ Aufständische gewesen – und natürlich schieben dann diejenigen, welche die Sache so ansehen, mit Vorliebe die Schuld auf die in den vorhergegangenen Tagen heimlich zugesteckten Proklamationen. Aber wie dem auch sein mag (denn klar ist man sich bis heute noch nicht darüber), meiner eigenen Meinung nach hatten die Arbeiter diese zugesteckten Blätter überhaupt nicht gelesen, oder wenn doch, sie dann gar nicht verstanden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verfasser derselben, trotz der Aufdringlichkeit ihres Stils, sich äußerst unklar ausdrücken. Da aber die Arbeiter bei der Abrechnung wirklich schändlich betrogen worden waren, und die Polizei, an die sie sich zuerst wandten, sich weiter nicht mit ihnen einlassen wollte, – was war da naheliegender, als selbst in hellem Haufen zum Gouverneur zu ziehen, wenn möglich gar mit einer Aufschrift, die ihre Wünsche in Devisenform aussprach und an der Spitze vorangetragen wurde, sich vor dem Gouverneursgebäude aufzustellen, um dann, wenn der Gefürchtete erschien, sogleich auf die Knie zu fallen und ein Gejammer wie zur heiligen Vorsehung selber zu erheben? Es ist meine feste Überzeugung, daß es sich nur darum und um nichts anderes handelte, zumal das ein uraltes und lang überliefertes Mittel ist: das russische Volk hat von jeher ein Gespräch mit dem „General selber“ allen anderen Verhandlungen vorgezogen – und zwar eigentlich allein schon um der Ehre willen, ganz gleichgültig, womit das Gespräch endete. So fest bin ich davon überzeugt, daß ich glaube, daß selbst Pjotr Stepanowitsch, Liputin und vielleicht noch jemand, sagen wir Fedjka, die heimlich mit den Fabrikarbeitern gesprochen hatten (wie sich dies jetzt mit ziemlicher Sicherheit herausgestellt hat), doch weiter keinen Einfluß auf diesen „Gang zum Gouverneur“ ausgeübt haben können, – abgesehen davon, daß es überhaupt nur zwei, drei, höchstens fünf Arbeiter gewesen sind, mit denen sie nachweisbar gesprochen haben. Was aber den „Aufstand“ betrifft, so werden wohl die Arbeiter, selbst wenn sie etwas von politischer Propaganda verstanden hätten, solchen geheimen Agitatoren doch kein Gehör geschenkt und ihr Gerede überhaupt nicht ernst genommen haben. Eine einzige Ausnahme machte höchstens Fedjka: diesem scheint es allerdings geglückt zu sein, und besser als Pjotr Stepanowitsch, mit den Arbeitern in vertrauliche Beziehung zu treten, denn an dem Brand in der Stadt, der in der übernächsten Nacht ausbrach, sind, wie man jetzt bestimmt weiß, im Bunde mit Fedjka noch zwei Fabrikarbeiter beteiligt gewesen. Und rechnet man dazu noch drei andere Arbeiter, die ein paar Wochen später in der nahen Kreisstadt verhaftet wurden, weil sie ebenfalls Feuer angelegt und geraubt hatten, so waren es im ganzen doch erst nur fünf von der Spigulinschen Fabrik, die man von anderer Seite verführt und aufgestachelt hatte.

Aber wie es sich damit nun auch verhalten mag, jedenfalls durchzogen die siebzig oder mehr Arbeiter die Stadt, stellten sich schließlich in aller Ordnung auf dem Platz vor dem Hause des Gouverneurs auf und sahen dann mit offenen Mäulern wartend auf die Vorfahrt. Der Gouverneur war aber gerade nicht anwesend. Wie ich später gehört habe, hätten sie schon gleich, nachdem sie sich geordnet, die Mützen abgezogen – etwa eine halbe Stunde bevor Herr von Lembke dann auf dem Schauplatz erschien. Die Polizei zeigte sich natürlich sofort: zuerst nur in einzelnen Vertretern, dann aber bald in möglichst geschlossenen Trupps. Man ging streng und drohend vor und befahl auseinander zu gehen. Die Arbeiter standen aber wie eine Herde Schafe, die am Zaun angelangt ist, und antworteten nur lakonisch, sie seien „zum General selber“ gekommen – kurz, man begegnete fester Entschlossenheit. Da hörte denn das Anschreien auf, Nachdenklichkeit trat an seine Stelle, geheimnisvoll geflüsterte Anordnungen und strenge, geschäftige Sorge, die die höheren Polizeibeamten die Augenbrauen zusammenziehen ließ. Der Polizeimeister zog es vor, statt irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, doch lieber die Ankunft von Lembkes abzuwarten. Sonst pflegte der Polizeimeister bei solchen Gelegenheiten mit seiner Troika zum Entzücken aller Kaufleute stets in vollem Galopp anzufahren, und womöglich in die Ansammler mitten hinein: diesmal aber tat er es nicht, wenn er auch beim Abspringen nicht ohne ein kräftiges Wort, das geeignet war, seine Popularität zu erhalten, auskommen konnte. Doch es ist entschieden nicht wahr, daß man Soldaten herbeigerufen und von irgendwoher telegraphisch Artillerie und Kosaken erbeten hätte: das sind Märchen, an die jetzt niemand mehr glaubt. Unsinn ist gleichfalls, daß man die Feuerwehr gerufen habe und mit der Spritze gegen das angesammelte Volk vorgegangen sei. Ilja Iljitsch schrie einfach im Eifer, daß ihm kein einziger „trocken aus dem Wasser kommen“ solle – und daraus hat man dann wahrscheinlich die Feuerwehrspritze gemacht, die auch in den Nachrichtenteil der Petersburger Zeitungen überging. Das einzig Richtige ist, daß man die Arbeiter sofort mit allen nur verfügbaren Polizisten umstellte, während nach von Lembke, der vor einer halben Stunde nach Skworeschniki gefahren war, sofort der zweite Polizeioffizier mit der Troika des Polizeimeisters geschickt wurde.

Immerhin muß ich gestehen, daß mir noch eines unerklärlich scheint: wie kam es, wie war es möglich, daß man eine ruhige Versammlung gewöhnlicher Bittsteller so ohne weiteres und vom ersten Augenblick an gleich für einen politischen Aufstand halten konnte, der alles umzuwerfen drohte? Warum glaubte von Lembke selber nichts anderes, als er dreißig Minuten später mit dem Polizeioffizier eintraf? Am wahrscheinlichsten ist noch (doch das ist wieder nur meine eigene Meinung), daß Ilja Iljitsch, unser Polizeimeister, es einfach am allervorteilhaftesten und zweckmäßigsten fand, die Sache so und nicht anders aufzufassen, zumal er sich vor zwei Tagen während eines Gesprächs mit von Lembke überzeugt hatte, wie fest sein Vorgesetzter an eine baldige Wirkung der Proklamationen und an die Spigulinsche soziale Gefahr glaubte, so daß denn unser schlauer Ilja Iljitsch beim Fortgehen händereibend bei sich dachte: „Will sich in Petersburg auszeichnen, würde ihm leid tun, wenn sich alle Gefahr als Unsinn erweisen sollte – nun, mir soll’s recht sein ... werde danach vorkommendenfalls zu handeln wissen.“