„Die Mützen ab!“ sagte er kaum hörbar und atemlos. „Auf die Kniee!“ rief er dann plötzlich laut – am unerwartetsten wohl für ihn selbst. Und vielleicht war es gerade diese erschreckende Überraschung, die alles Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; für solche Menschen aber ist es am gefährlichsten, wenn es einmal geschieht, daß ihr „Schlitten“ sich auf irgendeine Weise losreißt und den Berg hinabsaust.

Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen.

„Flibustier!“ rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz sinnlos, und seine Stimme brach plötzlich ab. Er stand und wußte noch nicht, was er tun würde, doch fühlte er mit jeder Fiber, daß er sofort irgend etwas tun werde.

„Herrgott!“ hörte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich, drei, vier wollten tatsächlich niederknieen, doch da schoben sich die anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und plötzlich fingen sie alle auf einmal zu sprechen an: „Exzellenz ... General ...“ riefen sie durcheinander, „wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ... kannst du nicht ein Wort einlegen ...“ usw., usw. Man konnte nichts verstehen.

Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betäubt da, begriff nichts und hielt immer noch die Blümchen in der Hand. Den „Aufruhr“ glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien bringen sollte. Und zu alledem kam für ihn jetzt noch, daß er zwischen der Menge der „Aufständigen“, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten, plötzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute „aufwiegeln“ sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den er ständig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaßten Pjotr Stepanowitsch.

„Ruten!“ schrie von Lembke plötzlich noch überraschender.

Totenstille trat ein.

Das war der Anfang – wenigstens soweit mir alles Nähere bekannt geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklären vermag. Doch die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbürgt, und auch ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. Übrigens gibt es noch einige Tatsachen.

Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon während der Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, höchstens drei, doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, daß alle oder die Hälfte der Arbeiter durchgeprügelt worden seien. Nicht wahr ist gleichfalls, daß man eine anständige vorübergehende Dame ergriffen und gleichfalls durchgeprügelt habe, wie später eine Petersburger Zeitung zu berichten wußte. Viel wurde ferner von einer Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem Armenhause, von der es hieß, sie habe, als sie auf dem Heimwege von einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte, sich in verständlicher Neugier vorgedrängt, und als sie sah, was da geschah, „solch eine Schmach!“ ausgerufen und dazu ausgespieen. Und dafür, so hieß es, hatte man sie sofort gleichfalls „beschlagnahmt“. Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwähnt, sondern man begann im Eifer sogar schon für sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, daß es eine solche Tarapygina hier überhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persönlich im Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer Tarapygina nie auch nur etwas gehört, ja, man war sogar richtig beleidigt, als ich zur Aufklärung der Sache das erwähnte Gerücht mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier überhaupt wiedergebe, so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden gewesen wäre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer ausgedrückt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, daß Stepan Trophimowitsch mir plötzlich abhanden kam, kaum daß wir auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht über den Platz, hinführen, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, – und da war Stepan Trophimowitsch plötzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir sofort, daß er bestimmt an der gefährlichsten Stelle am ehesten zu finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fühlte ich, daß auch bei ihm „der Schlitten“ sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich weiß noch, ich erfaßte schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit unermeßlicher Überlegenheit an.

„Cher,“ sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene Saite klang, „wenn man schon öffentlich hier auf dem Platz so zeremonielos verfährt, was soll man dann noch von diesem erwarten ... wenn er selbständig handeln dürfte?“