Und schon wollte man hinter ihm her stürzen, was in diesem Augenblick schwer zu verhindern gewesen wäre, – aber siehe da! nun sollte noch die letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien plötzlich auf der Tribüne.
Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrückten. Mit breitem, triumphierendem Lächeln, voll unermeßlichen Selbstvertrauens übersah er die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu verwirren, daß er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so augenscheinlich, daß gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.
„Wer ist denn das?“ hörte man fragen. „Was will denn der noch? Still! Pst! Was?“
„Meine Herren!“ begann dieser Mensch, ganz am äußersten Rande der Tribüne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und ohne das aristokratische Lispeln.
„Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem halben Europa, war Rußland das Ideal aller Staats- und Geheimräte! Die Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitäten lehrte man exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschäft: man erpreßte von Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten für revolutionär, denn sie störten die Harmonie! Die Birkenwälder wurden rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte. Doch in Rußland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner Existenz noch niemals elender ausgesehen! Rußland war nur noch eine einzige Schmach und weiter nichts!“ Und mit einer wüsten Bewegung erhob er die Faust, schüttelte sie drohend über seinem Haupte und ließ sie dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage einen unsichtbaren Gegner zerschmettern.
Ein unbändiges Gebrüll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetäubendes Klatschen und Trampeln erschütterte den Saal. Es applaudierte schon beinahe die Hälfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen: Rußland wurde öffentlich geschmäht, entehrt, vor dem ganzen Publikum heruntergerissen – wie sollte man da nicht brüllen vor Entzücken?
„Das ist’s! ... Der weiß es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser als Ästhetik! ... Hurra!“
Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: „Seit der Zeit sind zwanzig Jahre vergangen! Die Universitäten haben sich vermehrt! Das Exerzieren in den Hörsälen ist zur Legende geworden! An Offizieren im Heer fehlt’s jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital verschlungen und Rußland wie mit einem Spinngewebe überzogen, so daß man in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen können. Die Brücken brennen nur selten, aber die Städte dafür um so häufiger. Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefällt, doch die Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der Gutsbesitzer, die es früher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus, damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten und unnützen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und feierlich enthüllt, als Denkmal der tausendjährigen Unordnung und Sinnlosigkeit, die wir jetzt glücklich hinter uns haben! Europa aber ärgert sich und fühlt sich von neuem beunruhigt ... Fünfzehn Jahre der Reformen! Indessen ist Rußland noch niemals, nicht einmal in den groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer ...“
Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrüll der Menge verschlungen. Man sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder niedersausen ließ. Der Jubel überstieg bereits alle Grenzen. Man schrie, man heulte, man klatschte unbändig in die Hände. Sogar einzelne Damen riefen: „Genug! Besseres können Sie nicht mehr sagen!“ Man war wie betrunken. Oben auf der Tribüne aber stand der Redner, überschaute alle und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefühl.
Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna kreideweiß. Der junge Fürst näherte sich ihnen schnell. Sie flüsterte ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der Tribüne, meist offizielle Persönlichkeiten, die sich blitzschnell auf den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie gelang es aber diesem doch noch, sich loszureißen, und im Augenblick stand er wieder auf der Tribüne, um, mit erhobener Faust, gerade noch schreien zu können: