„Nein.“
„Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe kränken könnte. Es ist einfach die Wahrheit. Es begann mit einem schönen Augenblick, den ich nicht ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt ‚beleidigte‘ und Sie mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, daß Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten fürchtete. Ich begriff, daß Sie mich Unsinnige beschützten, indem Sie mich mieden. Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Großmut schätze. Da sprang dann Pjotr Stepanowitsch für Sie ein und erklärte mir alles. Er offenbarte mir, daß ein großer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich nichts sind, aber daß ich Ihnen dennoch ‚im Wege‘ stehe. Und sich zählte er immer mit; er wollte unbedingt, daß wir zu dreien seien, und er sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer großen Barke mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede heißt. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das alles für die barste Münze. Da ich aber auch ohnedem schon längst wußte, daß ich nur für einen Augenblick ausreichen würde, so nahm ich mich und entschloß mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und bitte keine Erklärungen mehr. Sonst geraten wir womöglich noch in Streit. Wie gesagt, fürchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich. Ich bin schlecht, kapriziös, ich habe mich von der opernhaften Barke blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, daß Sie mich furchtbar lieben. Verachten Sie nicht die Törin und lachen Sie nicht über diese Träne, die jetzt fiel. Ich liebe es sehr, ‚mich selbst bemitleidend‘ zu weinen. Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfähig und Sie sind zu allem unfähig; zwei Nasenstüber beiderseits, finden wir uns also damit ab. Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht.“
„Ein Traum und Wahn!“ rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die Hände ringend, im Zimmer auf und ab. „Lisa, du Arme, was hast du dir angetan?“
„Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch nicht gleichfalls? Seien Sie anständiger, seien Sie gefühlloser ...“
„Warum, warum bist du zu mir gekommen?“
„Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie sich mit solchen Fragen selbst bringen?“
„Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und töricht! Und was soll jetzt geschehen?“
„Und das ist Stawrogin, der ‚blutdürstige Stawrogin‘, wie hier eine Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hören Sie, ich habe es Ihnen doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... übrigens, wozu sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher ‚Stunden‘ und ‚Augenblicke‘ haben!“
„Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde mehr als du!“
Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden Blick nicht, in dem plötzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute.