„Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heißt, wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal den Gedanken – Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst, natürlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im Ernst so etwas sagen!) – doch ich hätte mich niemals zur Ausführung entschlossen, für nichts in der Welt, nicht für hundert Rubel, – denn ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen – das heißt, ich, ich persönlich ...“ (Er überhastete sich furchtbar und sprach wie eine Plappermühle.) „Aber nun hören Sie, was für ein Zusammentreffen von Zufällen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf Lebädkin zweihundertunddreißig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, – hören Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee, beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wußte damals noch nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren würde oder nicht: – gab ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darüber werde ich mich nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte. Da mir aber diese Tragödien scheußlich langweilig geworden waren – ich spreche jetzt, merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrücke gebrauche –, da nun alles das meine Pläne kreuzte, so schwor ich mir, Lebädkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht? Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hören Sie jetzt, hören Sie, wohin das alles geführt hat ... –“

Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer näher gerückt und wollte ihn schließlich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand herunter.

„Wie ... was!? ... Na ... bloß, so können Sie einem ja die Hand brechen ... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...“ schnatterte er dann schon weiter, ohne sich über den Schlag viel zu wundern. „Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester am nächsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mußte mit dem Publikum seinen dummen Schulbubenstreich machen, – Sie haben wohl schon davon gehört? auf der Matinee? Nun hören Sie, hören Sie doch: beide betrinken sich und schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribüne zu schubsen. Lebädkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollständig. Darauf folgt der bekannte Skandal – Lebädkin wird steif betrunken nach Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus der Brieftasche und läßt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglück aber hatte Lebädkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da aber Fedjka nur darauf wartete – er hatte bei Kirilloff etwas davon gehört (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschloß er sich, die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, daß Fedjka wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, – dabei hat der Schurke eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der Teufel weiß, was das ist! Das ist eine solche Eigenmächtigkeit ... Sehen Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen, in mir herumgetragen. Das ist so populär, so volklich ... aber ich habe sie immer für die kritische Zeit aufbewahrt, für den großen Augenblick, wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt plötzlich eigenmächtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo man den Atem anhalten und alles verheimlichen müßte! Nein, das ist eine solche Eigenmächtigkeit! ... Ich weiß ja noch nichts darüber: man spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den unseren jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im Spiele hat – gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heißt, sie ein bißchen vernachlässigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen ‚Fünfern‘ ist, das sehe ich, eine schlechte Stütze! Ein einziger großartiger, götzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf etwas Zufälliges und außerhalb Stehendes stützt ... Dann werden auch die ‚Fünfer‘ gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls, wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, daß Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und daß darum die Stadt brennen mußte, so –“

„Also man schreit das schon?“

„Das heißt, nein, noch gar nicht, und ich muß gestehen, ich habe davon bis jetzt noch nichts gehört, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen, besonders mit den Abgebrannten? Vox populi, vox Dei! Braucht es denn viel Zeit, um selbst das dümmste Gerücht zu verbreiten? Sie, wie gesagt, haben sich vor nichts zu fürchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei denn, daß Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde ihm noch heute ...“

„Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?“

„Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehört zu machen verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß Sie so ruhig sind ... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in Gedanken, so ist es doch – na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber zugeben, daß das alles sehr schön Ihre Angelegenheiten in Ordnung bringt: Sie sind plötzlich ein freier Witwer und können noch in dieser Stunde das schönste Mädchen mit einem riesigen Vermögen heiraten, – ein Mädchen, das noch dazu schon in Ihren Händen ist. Sehen Sie, was ein einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?“

„Sie wollen mich einschüchtern, Sie Dummkopf?“

„Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das für ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschüchtern? Als ob ich Ihnen zu drohen nötig hätte! Ich brauche Ihren freien Willen, aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich fürchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer Droschke – und wen sehe ich? – Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, – im Mantel, völlig durchnäßt, er muß wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die Menschen doch den Verstand verlieren können!“

„Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?“