Angezogen war er reisemäßig, das heißt, er hatte einen Mantel an, der von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die Beinkleider staken in hohen, glänzenden Stiefelschäften, in denen er noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter Reisesack, vollendeten sein Kostüm. In derselben rechten Hand hielt er dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstände zu schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits furchtbar schwer.

„Sind Sie das wirklich?“ rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewußten Freude vorüber war.

„Lise!“ fuhr Stepan Trophimowitsch auf. „Chère, chère, sind Sie es wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! Vous êtes malheureuse, n’est-ce pas?[191] Ich sehe, ich sehe schon, erzählen Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. Nous sommes tous malheureux, mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise,[192] und wir werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lösen und vollständig frei zu werden – il faut pardonner, pardonner et pardonner!“[193]

„Aber warum knien Sie denn vor mir nieder?“

„Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will!“ Er weinte und führte ihre beiden Hände an seine verweinten Augen. „Ich knie jetzt vor allem, was in meinem Leben schön war, ich küsse es und danke ihm! Jetzt habe ich mich in zwei Hälften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom Himmel träumte, vingt-deux ans![194] hier der niedergebeugte und verfrorene alte Erzieher ... chez ce marchand, s’il existe pourtant ce marchand[195] ... Aber wie Sie durchnäßt sind, Lise!“ rief er plötzlich, wieder aufstehend, denn er fühlte, daß auch seine Knie auf der feuchten Erde naß geworden waren. „Und wie ist das möglich, Sie in diesem Kleide? ... und zu Fuß, und auf freiem Felde ... Sie weinen? Vous êtes malheureuse? Ja richtig, ich habe doch etwas gehört ... Aber woher kommen Sie denn?“ verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, „mais savez-vous l’heure qu’il est?“[196]

„Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehört ... Ist es wahr? Ist es wahr?“

„Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden!“ (Seine Augen flammten wieder auf.) „Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und suche Rußland, – existe-t-elle la Russie? Bah, c’est vous, cher capitaine![197] Niemals habe ich daran gezweifelt, daß ich Sie bei einem großen Ereignis treffen würde. ... Nehmen Sie aber wenigstens meinen Schirm! Und – warum denn gerade zu Fuß? Um Gottes willen, nehmen Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fuß, weil Stasie“ (das heißt: Nastassja) „es sonst durch die ganze Stadt geschrien hätte, daß ich fortfahre! So bin ich möglichst inkognito entschlüpft. Ich weiß nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den Landstraßen – aber es kann doch nicht sein, denke ich, daß mich Räuber überfallen? Chère Lise, sagten Sie nicht, man hätte jemand ermordet? Oh, mon Dieu,[198] wie sehen Sie aus?“

„Gehen wir, gehen wir!“ rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. „Warten Sie, Stepan Trophimowitsch,“ sie kehrte plötzlich zu ihm zurück, „warten Sie, lieber Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wäre es besser, Sie zu binden, aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie für die ‚arme‘ Lisa – so, ein wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch, geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt, unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir!“

Sie langten vor dem verhängnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an, als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie vorteilhaft es für Stawrogin doch sei, daß man „seine Frau“ ermordet hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hörten schweigend zu. Am lebhaftesten ging es wie gewöhnlich unter den Angetrunkenen her: Schreihälse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und erörterten heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener Kleinbürger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte, der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann plötzlich aus Rand und Band geraten konnte.

Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob sich die Menge vor.