Er fühlte deutlich, und plötzlich erkannte er ganz klar, daß er flüchten, nun ja, daß er wirklich flüchten werde, daß er aber die Frage, ob er vor oder nach Schatoff flüchten sollte, jetzt zu beantworten vollkommen außerstande war. Er empfand sich nur noch als einen willenlosen Körper, eine passive Masse, die schon von einer fremden unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fühlte, daß er, obschon er einen Auslandspaß besaß und ohne weiteres „vor Schatoff“ flüchten konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), – daß er trotzdem nicht „vor Schatoff“, sondern unbedingt erst „nach Schatoff“ flüchten werde, und daß es so schon beschlossen, unterschrieben und versiegelt war. In unerträglicher Qual, zitternd und sich über sich selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch, ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nächsten Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Stoß, der seinem schwankenden Entschluß die endgültige Richtung gab. Es war schon elf Uhr, als er die Tür seines Zimmers aufschloß und hinaustrat. Und das erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, daß der Räuber, Mörder und entsprungene Zuchthäusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt, Kirchen beraubt und Häuser in Brand gesteckt hatte, daß Fedjka, der berüchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer noch nicht hatte finden können, früh morgens, sieben Werst von der Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wußte es bereits. Liputin stürzte aus dem Hause, um Näheres darüber zu erfahren. Er hörte, daß man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit zerspaltenem Kopf gefunden, und daß die Polizei auf Grund einiger Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebädkins zweifellos zusammen gemordet und angezündet hatte, für den Mörder hielt. Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von Fedjka bei Lebädkin angeblich geraubten und unterschlagenen großen Summe Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ... Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und erfuhr dort, daß der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem plötzlichen Tode Fedjkas nichts Ungewöhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches Ende nehmen: aber das verhängnisvolle Übereinstimmen der Prophezeiung, daß Fedjka an diesem Abend „zum letztenmal Branntwein getrunken“ habe, mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam und unheimlich, daß Liputin plötzlich aufhörte unschlüssig zu sein. Als er nach Hause zurückkam, stieß er mit einem Fußtritt den Reisesack unter den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit Schatoff angegebenen Platz, allerdings – mit dem Paß in der Tasche.
Zwanzigstes Kapitel.
Die Reisende
I.
Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört. Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte, desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon aufstehen wollte, hingehen und – alles sagen. Was dieses „Alles“ war, das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese „Schurken“ – so lautete sein eigener Ausdruck – mitgerissen hätte!
Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für „diese Leutchen“ zu dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon entscheidend eingreifen.
Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können.
Gegen acht Uhr abends – gerade als die Unsrigen sich bei Erkel versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und aufregten – lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde.
Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte –, so daß das ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief.
Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.
Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere Stimme.