„Sie sind jetzt wohl sehr glücklich?“ fragte Erkel neugierig.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die mühevolle Nacht
I.
Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen „Unsrigen“ zu laufen, um ihnen mitzuteilen, daß Schatoff „bestimmt nicht denunzieren werde“, da jetzt seine Frau zu ihm zurückgekehrt und er Vater geworden sei, und daß man, „da man doch das Menschenherz kennt“, unmöglich irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befürchten habe. Aber außer Erkel und Lämschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause.
Erkel hörte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die Frage aber: „Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen?“ antwortete er mit dem ungetrübtesten Lächeln, daß er „ganz selbstverständlich“ zu ihm gehen werde.
Lämschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort plötzlich an wie verrückt unter der Decke mit Händen und Füßen abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausführungen über Schatoff ließen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, daß Wirginski von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzählte. Auf die Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: „Soll man nun hingehen oder soll man nicht hingehen?“ begann er wieder mit Händen und Füßen unter der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstieß, er sei ja doch „bloß eine Nebenperson! Weiß nichts, gar nichts!“ Und zum Schluß: „Lassen Sie mich in Ru–u–uh!“
Bedrückt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten bedrückte, war vielleicht, daß er seine Sorgen vor seiner Familie verbergen mußte. Er hatte sich so daran gewöhnt, seiner Frau alles mitzuteilen, daß er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn jetzt nicht plötzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender Plan in ihm aufgetaucht wäre, so hätte er sich wohl auch wie Lämschin vor Seelenangst zu Bett legen müssen. Aber dieser neue Plan stärkte ihn allmählich und zum Schluß glaubte er sogar so fest an die Möglichkeit, ihn verwirklichen zu können, daß er der Dämmerung fast mit Ungeduld entgegensah und schon früher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach.
Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki. Ich bin später hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie muß es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen Herbstabend ...
Es war so dunkel unter den Bäumen, daß man auf zwei Schritte den anderen nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und später auch Erkel brachten Laternen mit. Ich weiß nicht, von wem und zu welchem Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus großen unbehauenen Steinen eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bänke waren jetzt schon längst verfault und auseinander gefallen. Ungefähr zweihundert Schritte rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, über eine Werst weit einer hinter dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, daß man irgendein Geräusch, Geschrei oder selbst einen Schuß im Stawroginschen Herrenhause hören würde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung zurückgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fünf oder sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß selbst in dem Falle, daß jemand von ihnen Schreie hörte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben würde.
Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle – außer Erkel, der mit Schatoff kommen sollte – an der bezeichneten Stelle eingefunden. Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spät: er erschien zusammen mit Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war. Tolkatschenko verließ Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen Schritt, war ihm plötzlich, wie es schien, unermeßlich zugetan und flüsterte ihm jeden Augenblick geschäftig irgend etwas zu; dieser antwortete ihm meist überhaupt nicht oder brummte geärgert nur ein paar Worte, um ihn loszuwerden.