Und er wies in fieberhaftem Entzücken auf das Bild des Heilandes, vor dem das Lämpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgültig wütend.

„An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lämpchen angezündet! Tun Sie das vielleicht auch ‚auf alle Fälle‘?“

Der andere schwieg.

„Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womöglich noch mehr als ein Pope.“

„An wen? An Ihn? Höre,“ Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem, wie verzücktem Blick vor sich hin. „Höre eine große Idee: es war auf der Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am Kreuz glaubte so, daß er dem anderen sagte: ‚Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.‘ Der Tag verging, beide starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die Worte bewahrheiteten sich nicht. Höre: dieser Mensch war der höchste auf der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem, was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen – nur ein Wahnsinn. Es war weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis zum Wunder. Das ist eben das Wunder, daß keiner vor ihm war noch nach ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur auch Diesen nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht verschont haben und auch Ihn zwangen, mitten in Lüge zu leben und für Lüge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lüge und beruht nur auf Lüge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten – Lüge und des Teufels Bühnenstück. Wozu dann leben, antworte, wenn du ein Mensch bist?“

„Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlässig. Doch erlauben Sie, wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lüge zu Ende ist und Sie erraten haben, daß die ganze Lüge nur daher kam, daß es den früheren Gott gab?“

„Endlich hast du es verstanden!“ rief Kirilloff begeistert. „Also kann man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat! Verstehst du jetzt, daß die ganze Errettung für alle ist – allen diesen Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, daß es Gott nicht gibt, und sich doch nicht sofort selbst tötete? Erkennen, daß es Gott nicht gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, daß man dadurch selbst Gott geworden ist – ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls würde man sich unbedingt selbst töten. Wenn du erkenntest – so bist du Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu töten, sondern wirst in der allergrößten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das erkennt, der muß sich unbedingt selbst töten, denn wer wird sonst beginnen und beweisen? Also töte ich mich selbst, unfehlbar, um zu beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaßen Gott und bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen. Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, Eigenwillen zu zeigen. Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglücklich und arm gewesen, weil er sich fürchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich unglücklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin verpflichtet, fest daran zu glauben, daß ich nicht glaube. Ich werde beginnen und werde beenden, und werde das Tor öffnen. Und retten. Nur dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nächsten Generation physisch verändern. Denn in der jetzigen körperlichen Form kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den früheren Gott nicht sein. Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es schließlich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist – Eigenwille! Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwürfigkeit beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist maßlos furchtbar. Ich töte mich, um meine Nichtunterwürfigkeit zu beweisen und meine neue furchtbare Freiheit.“

Sein Gesicht war unnatürlich bleich, sein Blick unerträglich schwer. Er war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch fürchtete schon, er werde sogleich hinfallen.

„Gib die Feder!“ rief Kirilloff plötzlich ganz unerwartet in entschiedener Verzückung – „diktiere, ich unterschreibe alles. Auch, daß ich Schatoff getötet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir lachhaft ist! Ich fürchte die Gedanken der anmaßenden Sklaven nicht! Du wirst selbst sehen, daß alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du aber wirst zerdrückt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!“

Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfaß und ein Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den günstigen Augenblick nicht zu verpassen, zitternd für das Gelingen.