Das zweite Glockenzeichen ertönte.
„Ah, also noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich würde es nicht wünschen, daß diese Gruppe hier auseinanderfällt. Das heißt nicht, daß mir so sehr viel daran läge; nein; brauchen sich um mich weiter keine Sorgen zu machen: solcher Knötchen des großen Netzes habe ich ja genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu verachten. Übrigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie auch fast allein mit diesen Mißgeburten hier zurücklasse: beunruhigen Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen ... – A–ah, und auch Sie heute?“ rief er plötzlich mit ganz anderer, heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn zutrat, um ihn zu begrüßen. „Sie fahren also auch mit dem Schnellzug? Wohin denn? Zur Mama?“
Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitläufig mit Julija Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt verbracht.
„Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen mir bevor. Und Sie nach Petersburg?“ fragte der junge Mann frohgemut.
„Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, daß ich nach Petersburg fahre?“ fragte Pjotr Stepanowitsch noch fröhlicher und sah ihm lachend offen ins Gesicht.
Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten.
„Na, wenn Sie’s erraten haben,“ raunte ihm plötzlich Pjotr Stepanowitsch mit gedämpfter Stimme geheimnisvoll zu, „ich reise mit Briefen von Julija Michailowna und muß dort drei, vier Persönlichkeiten aufsuchen, und was für welche noch dazu! – na, Sie ahnen wohl schon. Übrigens könnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt. Eine verflixte Aufgabe!“
„Aber sagen Sie doch bitte, was fürchtet sie denn plötzlich so?“ flüsterte nun auch der junge Mensch. „Sie hat sogar mich gestern nicht empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, für ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch noch so anständig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja förmlich, wie man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.“
„Nun, natürlich doch,“ lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. „Ja, sehen Sie, sie fürchtet aber, daß man von hier aus schon geschrieben haben könnte ... das heißt, daß gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte – ich werde Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzählen – soviel mir die Ritterlichkeit zu erzählen erlaubt ... Mein Verwandter, Fähnrich Erkel, aus der Kreisstadt.“
Der junge Mensch blickte flüchtig auf Erkel und berührte den Hut. Erkel grüßte militärisch.