Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand ...

Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Stepan Trophimowitschs letzte Reise

I.

Ich bin überzeugt, daß Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als die für sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit näher und näher rückte. Ich bin überzeugt, daß er unter dieser Angst sehr gelitten hat, besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht. Nastassja erinnerte sich nachher, daß er sich spät zu Bett gelegt, dann aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht sogar sehr fest schlafen.

Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte, also zu einer Zeit, in der ein nervöser Mensch sich immer ermutigt fühlt (der Major, der Verwandte Wirginskis, hörte ja sogar auf, an Gott zu glauben, sobald die Nacht vorüber war), so bin ich doch überzeugt, daß er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen können, wie er sich allein und in einer solchen Lage auf der großen Landstraße befinden werde. Es wird aber wahrscheinlich etwas Tollkühnes in seinen Gedanken gewesen sein, das ihm zunächst die ganze Größe der schrecklichen Empfindung des plötzlichen Alleinseins milderte, nachdem er „Stasie“ und seinen zwanzigjährigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen hätte, – er wäre dennoch auf die große Landstraße hinausgegangen und hätte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn trotz allem begeisterte. Oh, er hätte ja auf Warwara Petrownas herrliche Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben können „comme un[205] gewöhnlicher Schmarotzer!“ Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verläßt sie und erhebt „die Fahne der großen Idee“, um für diese auf der großen Landstraße zu sterben! Gerade so und nicht anders mußte er das empfinden; gerade so mußte seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen.

Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn gerade zu Fuß fort, buchstäblich zu Fuß? Warum mietete er denn nicht wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fünfzigjährigen Lebensunerfahrenheit beantwortet, schließlich aber mit einer phantastischen Ideenverirrung unter dem Einfluß eines starken Gefühls erklärt. Es schien mir, daß ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde (selbst wenn sie Schellen und Glöckchen haben sollten) doch viel zu banal und prosaisch vorkommen mußte. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch mit dem Regenschirm in der Hand, viel schöner, viel liebend-rächender. Heute freilich, nachdem alles vorüber ist, nehme ich an, daß es sich im wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er fürchtete sich wohl einfach, Pferde zu mieten, denn erstens hätte Warwara Petrowna das erfahren und ihn mit Gewalt zurückgehalten, er aber würde sich selbstverständlich ergeben haben, und dann – fahre wohl auf ewig, große, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen nahm, mußte man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte? Das aber war sein größtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten Ort wählen und nennen, wäre ihm geradezu unmöglich gewesen. Sobald er sich für irgendeinen bestimmten Ort entschloß, mußte ihm sein ganzes Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmöglich erscheinen – das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? Ce marchand[206] suchen? Aber welchen marchand? Das war die allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es für ihn nichts Furchtbareres als ce marchand, den zu suchen er sich so Hals über Kopf vorgenommen hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverständlich am allermeisten fürchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie nur möglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah – ganz wie ein Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine Idee. In der Postkutsche aber – was war denn da für eine Idee? Da war es zu Ende mit der Idee. Also: Vive la grande route[207] – und dann wie Gott will!

Nach dem plötzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er in tiefem Selbstvergessen weiter.

Der große Landweg führte in einer Entfernung von einer halben Werst an Skworeschniki vorüber, und – sonderbar – er bemerkte es zuerst gar nicht, daß er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge mit Bewußtsein zu sehen, war für ihn in diesem Augenblick unerträglich. Der feine Regen hörte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, daß er die Reisetasche sich über die Schulter geworfen hatte und daß ihm dadurch das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schließlich hatte er so ungefähr eine ganze Werst oder anderthalb zurückgelegt, als er plötzlich stehen blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm hin; rechts lag die leere Fläche längst abgeernteter Getreidefelder; links Gestrüpp und weiterhin ein Wäldchen. Und in der Ferne, weit, die kaum wahrnehmbare, schräg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf ihm das Rauchwölkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hören war. Eine gewisse Verzagtheit überkam Stepan Trophimowitsch, aber nur auf einen Augenblick. Er seufzte – grundlos, stellte dann seine Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim Niedersetzen fühlte er, daß ihn fröstelte, und er wickelte sich in sein Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte den Schirm über sich auf. So saß er ziemlich lange, schob zuweilen die Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert. Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorüber, eines immer schnell das andere aus seinem Bewußtsein verdrängend. „Lise, Lise,“ dachte er, „und mit ihr ce Maurice ... Sonderbare Menschen ... Aber was war das eigentlich für ein Brand und worüber sprachen sie doch, u–und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, Stasie hat noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei uns in Rußland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott, aber Fedjka?“

Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um.

„Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man sagt doch, er habe hier eine ganze Räuberbande an der großen Landstraße? O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen, daß ich schuldig bin ... und daß ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, – viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein Portemonnaie. Hm! j’ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles et il me tuera tout de même.“[208]