Unter dem Volk hatte sich tatsächlich schon die Frage erhoben: Was ist das für ein Mensch? War zu Fuß auf der Landstraße, sagt, er sei Lehrer, gekleidet ist er wie ein Ausländer und sprechen tut er wie ein kleines Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu erwägen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: „da es bei alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist.“ Da kam Anissim gerade zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemüter. Er verkündete dem ganzen Publikum, daß Stepan Trophimowitsch nicht so was, wie ein Lehrer, sondern „selber ein großer Gelehrter“ sei, der sich mit allen Wissenschaften beschäftigt, und früher sei er selber hiesiger Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr. Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel verspielt und dem Titel nach sei er „Rat“, was ebensoviel besagen wolle wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst. Und was das Geld anbeträfe, so könne man das, weil es doch die Generalin Stawrogin sei, gar nicht abzählen, usw., usw.

„Mais c’est une dame et très comme il faut,“[231] dachte inzwischen Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlöst nach dem Anissimschen Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin, die übrigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom Stückchen dazu biß. „Ce petit morceau de sucre ce n’est rien ...[232] Es ist etwas Edles und Unabhängiges und gleichzeitig – Stilles in ihr. Le comme il faut tout pur,[233] nur ein wenig wie von einer anderen Art.“

Bald erfuhr er von ihr, daß sie Ssofja Matwejewna Ulitina hieß und eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den Bäuerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol gefallen war.

„Aber Sie sind noch so jung, vous n’avez pas trente ans.“[234]

„Vierunddreißig,“ sagte Ssofja Matwejewna lächelnd.

„Wie, Sie sprechen auch französisch?“

„Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt.“

Sie erzählte ferner, daß sie nach dem Tode ihres Mannes zunächst in Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln.

„Mais, mon Dieu,[235] waren Sie es vielleicht, mit der eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte?“

Sie wurde rot: sie war es tatsächlich gewesen.