Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate später gestand Lämschin, er habe Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe erwirken können und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Geständnis ersieht man erst, wie hoch Stawrogin auch von einem Lämschin eingeschätzt wurde.
Am selben Tage wurde natürlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer verhaftete man auch gleich seine ganze „Familie“. (Heute sind Arina Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon längst wieder frei und es heißt sogar, auch Schigaleff werde in kürzester Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete. Man erzählt, er habe sich fast gefreut: nun sei es „vom Herzen gewälzt“, soll er gesagt haben. Jetzt heißt es von ihm, daß er seine Aussagen wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Würde mache, doch von seinen „hellen Hoffnungen“ noch immer nicht lasse und nur den politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden war, verwünsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten während des Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns.
Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner Verhaftung hartnäckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie erweckt, – durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch die erwiesene Tatsache, daß er nur das fanatische Opfer eines politischen Verführers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt gewordenes Verhältnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die Hälfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie weint und wirft sich – es ist wortwörtlich zu nehmen – den Richtern zu Füßen, um für ihren Sohn Gnade zu erflehen.
Liputin wurde schließlich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklären kann. Er, der einen Paß auf einen fremden Namen und bei beträchtlichen Geldmitteln durchaus die Möglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen, war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er plötzlich zu trinken begonnen und ein über alle Maßen ausschweifendes Leben geführt, ganz wie ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lügen und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht haben, vor Gericht eine Rede zu halten.
Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach seiner Flucht verhaftet wurde, verhält sich weit bescheidener, lügt nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er weiß, ohne sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum „Reden“ geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis des Volkes und dessen revolutionäre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll, wie man hört, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. Überhaupt sind er und Liputin nicht allzu eingeschüchtert, und das ist eigentlich sonderbar.
Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht gesprochen.
Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon wieder einigermaßen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene Meinung gebildet – allerdings eine dermaßen eigene, daß jetzt viele bei uns Pjotr Stepanowitsch für ein Genie halten, oder doch wenigstens für einen Menschen mit „hoch genialen Anlagen“.
„Da sieht man, was Organisation bedeutet!“ sagt man im Klub und erhebt dabei den Finger. Übrigens ist das alles furchtbar harmlos, und schließlich sind es nicht einmal viele, die so reden.
Andere dagegen urteilen weit weniger günstig über ihn, und wenn sie ihm auch eine große Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin und daraus folgendem außergewöhnlichen Leichtsinn.
Das Urteil über seine Moral ist natürlich bei allen das gleiche; darüber streitet schon niemand mehr.