Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzählt. Aber nicht alles. Sogar Ihnen nicht alles! Übrigens, ich bestätige, daß ich mit dem Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben Sie fast alles vorausgesagt.

Kommen Sie lieber nicht. Daß ich Sie zu mir rufe, ist eine schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen können. Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprägt: ‚als Krankenschwester‘ – das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern? Begreifen Sie auch, daß ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe, und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und währenddessen rufe ich Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort, denn man muß sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein fortfahren.

Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit Absicht diesen düsteren Ort gewählt. In Rußland bin ich an nichts gebunden, – hier ist mir alles ebenso fremd wie überall. Es ist wahr, in Rußland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst in Rußland habe ich nichts zu hassen vermocht!

Ich habe überall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu: ‚um sich selbst zu erkennen‘. In den Versuchen für mich selbst und in den Versuchen nach außen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie auch früher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem Bruder. Ich bekannte öffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft anlegen – das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch früher immer, eine gute Tat zu begehen wünschen und empfinde Vergnügen dabei; daneben aber will ich auch Böses und empfinde dabei gleichfalls Vergnügen. Aber dieses wie jenes Gefühl ist, ganz wie früher, immer zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine Wünsche sind viel zu wenig stark; sie können nicht leiten. Auf einem Balken kann man über einen Fluß schwimmen, auf einem Holzspan aber nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, daß ich mit irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre.

Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschöpft: aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, daß ich sogar auf unsere Verneiner mit Haß geblickt habe, aus Neid auf ihre Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefürchtet; ich konnte denen nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das Lächerliche fürchte, – das Lächerliche kann mich nicht schrecken, – sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anständigen Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und Neid für sie hätte, so würde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie ich mich hin und her gewälzt habe!

Du, mein liebster Freund, Du zartes und großmütiges Geschöpf, das ich nun endlich erraten habe! Vielleicht träumen Sie davon, mir so viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schönem aus Ihrer wundervollen Seele zu überschütten, daß Sie hoffen, schon damit endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu können? Nein, Sie sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglücklich sein. Ihr Bruder hat mir einmal gesagt, daß derjenige, der die Verbindung mit seiner Erde verliert, sofort auch seine Götter verliert, das heißt also alle seine Ziele. Über alles kann man endlos streiten, aber aus mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Großmut und ohne jede Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und – erschoß sich: aber ich weiß doch, daß er deshalb hochherzig war, weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine Vernunft verlieren können und werde nie in dem Maße an eine Idee glauben können, wie er. Ich kann mich in dem Maße nicht einmal mit einer Idee beschäftigen. Nie, nie werde ich mich erschießen können!

Ich weiß, daß ich mich töten müßte, mich wie ein scheußliches Insekt von der Erde wegfegen; aber ich fürchte den Selbstmord, denn ich fürchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich weiß, daß das noch ein Betrug sein würde, – der letzte Betrug in der endlosen Reihe der Betrüge. Was hätte es für einen Nutzen, sich selbst zu betrügen, nur um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung.

Verzeihen Sie, daß ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen genügen, wenn man jemand ‚als Krankenschwester‘ ruft.

Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fünf Jahren in Petersburg in der wüsten Zeit gemacht. Niemand weiß es, daß ich bei ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse füge ich bei.

Nicolai Stawrogin.“