Schatoff hörte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darüber, daß ein junges Mädchen der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab.
Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Rußland erscheint jährlich eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art, und in ihnen wird tagaus tagein von allen möglichen Ereignissen berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten Zeitungen überall weggeräumt, in Schränke gesteckt, oder sie liegen herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedächtnis des Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gerät erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun würden aber viele später gern nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gäbe das für eine Arbeit, in diesem Meer von Blättern die Stelle zu finden, zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen könnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres sammelte und in einem einzigen Bande herausgäbe – selbstverständlich nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken geordnet, mit einteilenden Überschriften, mit einem Index und mit übersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) – so könnte eine solche Zusammenfassung des Stoffes in einem übersichtlichen Werke die ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all den unzähligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten, natürlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll.
„Wir würden also statt einer Menge Blätter mehrere dicke Bücher haben, und das wäre alles,“ bemerkte Schatoff.
Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit großem Eifer, obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklären, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nicht recht auszudrücken verstand. Es müsse nur ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so müsse es doch übersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art der Einteilung des Stoffes. Selbstredend dürfe nicht alles genommen und abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmaßnahmen, örtliche Verordnungen, Gesetze – so wichtig das alles auch sei – in das Buch brauchte man davon doch nichts aufzunehmen. Überhaupt könnte man vieles weglassen und sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschränken, die mehr oder weniger das ethische und persönliche Leben des Volkes, sozusagen die Persönlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke ausdrückten. Freilich käme alles in Betracht: Kuriositäten, Brände, Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten Handlungen, verschiedene Aussprüche und Reden, ja, schließlich auch Nachrichten von Überschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne Regierungserlasse, aber aus allem müsse nur das herausgesucht werden, was die Epoche kennzeichnet. Alles müsse eben unter einem bestimmten Gesichtswinkel erfaßt und hingestellt werden, und hinter allem müsse ein Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse. Und schließlich müsse das Buch sogar als Lektüre interessant und fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges Nachschlagebuch! Es wäre also gewissermaßen ein Bild des geistigen, sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. „Es muß so sein, daß alle es kaufen, es muß zu einem richtigen Handbuch werden,“ behauptete Lisa. „Ich weiß wohl, daß hierbei der Plan die Hauptsache ist, und deshalb wende ich mich an Sie,“ schloß Lisa. Sie war recht in Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollständig ausgedrückt hatte, begann Schatoff zu begreifen.
„Es würde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,“ brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben.
„Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht nötig! Nichts als Objektivität – das soll die ganze Richtschnur sein.“
„Aber die Richtung wäre ja an sich nichts Schlimmes,“ sagte Schatoff und bewegte sich endlich, „auch ließe sich das wohl nicht vermeiden, sobald man überhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.“
„So glauben Sie, daß man ein solches Buch zustande bringen kann?“ fragte Lisa erfreut.
„Man muß sich das noch überlegen. Es würde ein großes Unternehmen werden. So plötzlich läßt sich nichts ausdenken. Da muß man Erfahrungen sammeln. Selbst während der Arbeit dürften wir noch nicht recht wissen, wie es am besten zu machen wäre. Vielleicht finden wir das erst nach vielen Versuchen. Aber der Gedanke fängt an, einem klar zu werden. Es ist ein nützlicher Gedanke.“
Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergnügen, so sehr war er jetzt interessiert.