„Wirklich? Sie haben den Brief selbst gesehen? Wo ist er jetzt, was ist mit ihm geschehen?“

„Krafft hat ihn zerrissen.“

„In Ihrer Gegenwart? Haben Sie das selbst gesehen?“

„Ja, in meiner Gegenwart. Er hat ihn zerrissen, wahrscheinlich, um ihn vor seinem Tode zu vernichten. Ich wußte ja damals noch nicht, daß er sich erschießen wollte ...“

„So ist der Brief vernichtet! Gott sei Dank!“ sagte sie langsam und atmete auf und bekreuzte sich.

Ich hatte sie nicht belogen. Das heißt, ich hatte ihr natürlich eine Unwahrheit gesagt; denn das Dokument besaß ich, und Krafft hatte es nie besessen, doch das war nur eine Nebensache; in der Hauptsache aber hatte ich nicht gelogen; denn in dem Augenblick, als ich sagte, der Brief wäre zerrissen worden, gab ich mir das Wort, diesen Brief noch an demselben Abend zu verbrennen. Wäre der Brief in dem Augenblick in meiner Tasche gewesen, so hätte ich ihn, mein Ehrenwort, hervorgezogen und ihn ihr übergeben; aber ich hatte ihn nicht bei mir, er war in meiner Wohnung. Übrigens, vielleicht hätte ich ihn ihr doch nicht gegeben; denn ich hätte mich sehr geschämt, ihr zu gestehen, daß ich ihn besessen, und so lange aufbewahrt und gewartet und ihn ihr nicht gegeben hatte. Deshalb dachte ich denn: ich verbrenne ihn zu Haus, also ist er schon ebensogut wie vernichtet, und folglich sage ich ja gar keine Unwahrheit! Jedenfalls war mein Gewissen rein, und das mit Recht.

„Und da es so ist,“ fuhr ich, beinahe in Ekstase, fort, „so sagen Sie mir jetzt: Haben Sie mich nur deshalb angelockt, weil Sie vermuteten, ich wüßte etwas von diesem Dokument? Warten Sie noch einen Augenblick, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts, lassen Sie mich zu Ende sprechen: ich habe die ganze Zeit, so lange ich mit Ihnen überhaupt verkehre, geargwöhnt, daß Sie mich nur aus dem Grunde verwöhnten, weil Sie von mir Näheres über diesen verschwundenen Brief erfahren wollten, weil Sie mich zu Geständnissen verleiten wollten ... Warten Sie noch einen Augenblick: ich argwöhnte das, aber ich litt darunter. Ihr Doppelspiel war für mich unerträglich; denn ich ... denn ich hatte in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Ich sage Ihnen offen, ganz offen: ich war Ihr Feind, aber ich habe in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Alles in mir war mit einem Schlage besiegt. Aber Ihr Doppelspiel, das heißt, der Verdacht, Sie könnten nicht aufrichtig sein, hat mich gequält ... Jetzt muß sich alles entscheiden, alles erklären, jetzt ist die Stunde gekommen, aber ... nein, warten Sie noch ein wenig, sagen Sie noch nichts, hören Sie erst, wie ich selbst die Sache ansehe, gerade jetzt, in diesem Augenblick! Ich sage Ihnen unverhohlen: wenn es auch so war, ich werde Ihnen deshalb nicht böse sein ... das heißt, ich wollte sagen, ich werde es Ihnen nicht übelnehmen; denn es wäre ja so natürlich: ich verstehe es doch! Was ist denn dabei Unnatürliches und Schlechtes? Das Dokument quält Sie, Sie haben einen im Verdacht, daß er etwas davon weiß oder alles weiß; da mußten Sie doch, das ist ja selbstverständlich, den Wunsch haben, von diesem Wissenden etwas zu erfahren, ihn zum Sprechen zu veranlassen ... Dabei ist doch nichts Schlechtes, wirklich nicht! Ich sage das ganz aufrichtig! ... Aber es ist doch notwendig, daß Sie mir jetzt irgend etwas sagen ... daß Sie ein Geständnis ablegen (verzeihen Sie das Wort)! Ich muß die Wahrheit wissen! Aus einem besonderen Grunde! So sagen Sie mir jetzt: sind Sie deshalb freundlich zu mir gewesen, um über das Dokument etwas von mir zu erfahren ... Katerina Nikolajewna?“

Ich sprach wie ein aus Höhen Herabfallender, und meine Stirn brannte. Sie hörte mich bereits ohne Aufregung an, im Gegenteil, es lag Mitempfinden in ihrem Gesicht; aber ihr Blick war schüchtern, als schäme sie sich.

„Ja, deshalb,“ sagte sie langsam und halblaut. „Verzeihen Sie mir, es war unrecht von mir,“ fügte sie plötzlich hinzu und hob ihre Hände ein wenig mir entgegen. Das hätte ich nimmer erwartet. Auf alles war ich gefaßt, alles hätte ich erwartet, nur diese Worte nicht; nicht von ihr, obgleich ich sie doch schon kannte.

„Und Sie sagen mir das so: ‚es war unrecht von mir‘! Sagen es so ohne weiteres und offen, daß es unrecht von Ihnen war?“ rief ich aus.