„Oh, ich habe es schon lange gefühlt, daß ich Ihnen unrecht tat, ich habe meine Schuld empfunden ... und ich bin sogar froh, daß es jetzt zur Sprache gekommen ist ...“

„Schon lange gefühlt? Aber warum haben Sie denn nichts gesagt?“

„Ja, ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte,“ sagte sie lächelnd. „Das heißt, ich hätte es vielleicht auch gewußt,“ lächelte sie wieder, „aber ich schämte mich immer mehr ... denn ich hatte Sie anfangs tatsächlich nur deshalb ‚angelockt‘, wie Sie sich ausdrückten, dann aber wurde mir alles das sehr bald zuwider ... und diese ganze Verstellung hatte ich bald so satt, das können Sie mir glauben!“ fügte sie mit bitterem Gefühl hinzu, „und überhaupt alle diese Suchereien!“

„Aber warum, warum haben Sie mich dann nicht einfach gefragt, ganz offen und ehrlich? Sie hätten nur zu sagen gebraucht: ‚Du weißt doch von diesem Brief, warum verstellst du dich?‘ – und ich hätte Ihnen sofort alles gesagt, hätte sofort alles gestanden!“

„Ja, ich ... fürchtete Sie ein wenig. Ich muß gestehen, ich traute Ihnen nicht ganz. Und es ist doch wahr: wenn ich nicht ganz aufrichtig gewesen bin, so sind Sie es ja auch nicht gewesen,“ schloß sie und lachte leise.

„Ja, wahrhaftig, ich hatte Ihr Vertrauen nicht verdient!“ rief ich betroffen. „Oh, Sie kennen noch nicht die ganze unermeßliche Tiefe meines Falles!“

„Ach, sogar schon unermeßliche Tiefe! Ich erkenne Ihren Stil wieder,“ lächelte sie still. „Dieser Brief,“ fuhr sie traurig fort, „war die häßlichste und leichtsinnigste Tat meines Lebens. Das Bewußtsein dieser Tat ist mir eine ewige Selbstanklage gewesen. Ich habe unter dem Einfluß der Umstände und verschiedener Befürchtungen an meinem lieben, großmütigen Vater gezweifelt. Und da ich wußte, daß dieser Brief ... bösen Menschen in die Hände fallen konnte ... und da ich allen Grund hatte, das zu fürchten,“ sagte sie erregt, „so zitterte ich bei dem Gedanken, daß man ihn benutzen, meinem Papa zeigen könnte ... Dieser Brief hätte auf ihn einen so schrecklichen Eindruck machen können ... bei seinem Zustande ... bei seiner angegriffenen Gesundheit ... er hätte aufgehört, mich zu lieben ... Ja,“ fuhr sie fort und sah mir hell in die Augen, da sie in meinem Blick wohl einen flüchtigen Gedanken gelesen hatte, „ja, ich fürchtete auch für meine Zukunft: ich fürchtete, er könnte ... unter dem Einfluß seiner Krankheit ... mir seine Unterstützung entziehen ... Diese Sorge beunruhigte mich gleichfalls, aber ich habe ihm gewiß auch in dieser Beziehung unrecht getan: er ist so gut und großmütig, daß er mir bestimmt verziehen hätte. Und das war alles. Daß ich mich aber Ihnen gegenüber so verhalten habe, das war nicht richtig von mir,“ schloß sie plötzlich wieder verlegen. „Jetzt muß ich mich vor Ihnen schämen.“

„Nein, Sie haben keinen Grund, sich vor mir zu schämen!“ rief ich.

„Ich habe, in der Tat, auf ... Ihr heißes Temperament gerechnet ... und gestehe Ihnen das,“ sagte sie leise mit gesenktem Blick.

„Katerina Nikolajewna! Wer, sagen Sie, wer zwingt Sie, mir dieses Geständnis zu machen?“ rief ich wie trunken. „Sie hätten doch nur aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken auf die feinste Weise zu erklären brauchen, wie zweimal zwei vier ist, daß, wenn auch etwas gewesen ist, eigentlich doch nichts gewesen sei, – Sie wissen schon: wie man so in Ihren hohen Kreisen mit der Wahrheit umzugehen pflegt. Ich bin doch unerfahren und unschlau, ich hätte Ihnen sofort geglaubt, Ihnen hätte ich alles geglaubt, gleichviel was Sie gesagt hätten! Es hätte Ihnen doch nichts gekostet, so zu handeln? Sie können sich doch in der Tat nicht vor mir fürchten? Wie konnten Sie sich freiwillig so vor mir erniedrigen, vor mir, dem vorwitzigen Jungen, vor so einem traurigen Jüngling?“