„Darin wenigstens habe ich mich nicht vor Ihnen erniedrigt,“ sagte sie mit freiem Stolz: sie hatte meine Worte offenbar nicht verstanden.
„Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Nur das sage ich ja die ganze Zeit ...!“
„Ach, das war so häßlich und so leichtsinnig von mir!“ rief sie und legte ihre Hand auf die Augen. „Ich habe mich noch gestern so geschämt, und deshalb war ich auch so mißgestimmt, als Sie bei mir waren ... Es war ja nur,“ fuhr sie auf einmal fort, „weil meine Verhältnisse sich so gestalteten, daß ich endlich die ganze Wahrheit über den Verbleib dieses unseligen Briefes erfahren mußte ... ich war ja schon daran, ihn ganz zu vergessen ... Denn ich habe Sie durchaus nicht nur deshalb bei mir empfangen,“ fügte sie auf einmal hinzu.
Mein Herz erzitterte.
„Natürlich nicht,“ sagte sie mit einem feinen Lächeln, „natürlich nicht nur deshalb! Ich ... Sie bemerkten vorhin sehr richtig, Arkadi Makarowitsch, wir hätten miteinander oft so gesprochen wie ein Student mit einem Studenten. Sie können mir glauben, daß ich mich in der Gesellschaft oft sehr langweile; besonders jetzt nach meiner Rückkehr aus dem Auslande und allen diesen Unglücksfällen in unserer Familie ... Ich gehe jetzt auch nur selten aus und das nicht nur aus Trägheit. Oft habe ich Lust, aufs Land zu ziehen. Dort würde ich noch einmal alle meine Lieblingsbücher lesen, die ich schon so lange nicht mehr in der Hand gehabt habe, und hier komme ich immer nicht dazu, sie wieder zu lesen. Ich habe mit Ihnen schon darüber gesprochen. Erinnern Sie sich noch, Sie lachten darüber, daß ich russische Zeitungen lese und sogar zwei Zeitungen täglich?“
„Ich habe nicht gelacht ...“
„Aber das hat Sie doch auch erregt, und ich habe Ihnen ja schon lange gestanden: ich bin Russin und liebe Rußland. Wissen Sie noch, wie wir immer zusammen die ‚Fakta‘ lasen, wie Sie sie nannten,“ sagte sie lächelnd. „Sie waren zwar recht oft etwas ... wunderlich, aber Sie konnten sich manchmal so erregen und begeistern, und dann haben Sie immer eine treffende Bemerkung gemacht, und immer haben Sie sich gerade für das interessiert, was mich interessierte. Wenn Sie ‚Student‘ sind, sind Sie wirklich reizend und originell. Aber die anderen Rollen, die, scheint es, eignen sich weniger für Sie,“ meinte sie mit einem entzückenden schelmischen Lächeln. „Wissen Sie noch, wie wir zuweilen stundenlang nur Zahlen zusammenrechneten und verglichen, wie wir zählten, wieviel Schulen es in Rußland gibt, in welcher Richtung sich bei uns die Aufklärung bewegt. Wir zählten die Morde und Kriminalfälle und zählten die guten Nachrichten und hielten sie dann gegeneinander ... wir wollten feststellen, wohin das alles strebte, und was schließlich aus uns selbst werden würde. Ich habe in Ihnen so viel echte Aufrichtigkeit gefunden. In der Gesellschaft spricht man mit uns Frauen niemals so. In der vorigen Woche versuchte ich mit dem Fürsten ...off über Bismarck zu sprechen, weil dieses Problem mich so interessiert und ich mir eine Lösung nicht denken konnte. Und stellen Sie sich vor, er setzte sich neben mich und begann mir alles zu erklären, sogar sehr eingehend und ausführlich, aber bei alledem doch mit diesem gewissen Sarkasmus, eben mit dieser für mich unerträglichen Nachsicht, mit der die ‚großen Männer‘ gewöhnlich mit uns Frauen sprechen, wenn wir uns ‚in Dinge einmischen, die uns nichts angehen‘ ... Und wissen Sie noch, wie wir uns wegen Bismarck einmal fast verzankt hätten? Sie erklärten mir, auch Sie hätten eine Idee, und die wäre sogar ‚viel reiner‘ als die Bismarcksche,“ sagte sie lachend. „Ich bin in meinem Leben nur zwei Männern begegnet, die mit mir wirklich ganz ernsthaft gesprochen haben: meinem verstorbenen Mann, der ein sehr, sehr kluger und vornehmer Mensch war,“ sagte sie überzeugt, „und dann noch – Sie wissen, wem ...“
„Werssiloff!“ rief ich. Ich lauschte fast atemlos auf jedes ihrer Worte.
„Ja, ich habe es sehr geliebt, ihm zuzuhören, ich sprach mit ihm schließlich ganz ... vielleicht gar zu aufrichtig, aber gerade dann glaubte er mir nicht!“
„Er glaubte Ihnen nicht?“