„Nun, dann erwarten Sie lieber nichts von mir, weil ich Sie vielleicht enttäuschen könnte,“ stammelte ich in unsäglicher Pein.
„Wie soll ich Ihre Worte verstehen?“ fragte sie mich ganz zaghaft.
„Einfach, daß ich von ihnen allen fortgehe und – damit basta!“ rief ich plötzlich voller Wut – „und das Dokument – zerreiße ich. Leben Sie wohl.“
Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, dabei wagte ich kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe hinuntergegangen, als Darja Onissimowna mich einholte und mir ein zweimal zusammengefaltetes Blatt Briefpapier überreichte. Woher diese Darja Onissimowna plötzlich kam, und wo sie sich während meiner Unterredung mit Anna Andrejewna befunden hatte, – weiß ich nicht. Sie sagte mir kein Wort, übergab mir nur das Papier und lief wieder zurück. Ich entfaltete das Blatt: auf ihm stand nichts weiter als Lamberts Adresse, die offenbar schon vor einiger Zeit geschrieben war. Ich erinnerte mich plötzlich, daß ich damals, als Darja Onissimowna bei mir gewesen war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber natürlich in dem Sinne, daß ich die Wohnung auch gar nicht wissen wollte. Inzwischen aber hatte ich die Adresse Lamberts schon durch Lisa erhalten, die ich gebeten hatte, sich im Adreßbüro zu erkundigen. Dieser Schachzug Anna Andrejewnas erschien mir denn doch schon zu rücksichtslos, ja, sogar zynisch: ungeachtet meiner Weigerung, ihr zu helfen, schickte sie mich nun einfach zu Lambert. Mir wurde nur zu klar, daß sie den Inhalt des Dokumentes kannte – und durch wen hätte sie den erfahren können, wenn nicht durch Lambert, zu dem sie mich jetzt sandte, damit es zwischen uns zu einer Vereinbarung käme!
„Sie halten mich ja alle, ohne Ausnahme, für einen dummen Jungen, der weder eigenen Willen noch Charakter hat, und mit dem man machen kann, was man nur will!“ dachte ich empört.
II.
Doch ungeachtet meiner ganzen Empörung über Anna Andrejewna begab ich mich sogleich zu Lambert. Wohin hätte ich auch mit meiner Neugier gehen sollen? Lambert wohnte, wie sich zeigte, sehr weit: in der „Schiefen Querstraße“, in der Nähe des Sommergartens, immer noch in jenem möblierten Zimmer; aber damals, als ich ihm davongelaufen und nach Haus gefahren war, hatte ich so wenig auf den Weg geachtet, daß ich, als ich vor vier Tagen seine Adresse durch Lisa erhalten hatte, sehr erstaunt gewesen war und es kaum hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Als ich die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich vor der Tür zwei junge Leute; ich dachte, sie hätten bereits geklingelt und warteten nun darauf, daß ihnen geöffnet werde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken gegen die Tür und musterten mich aufmerksam. „Hier sind ja mehrere möblierte Zimmer, sie werden wohl einen anderen Mieter besuchen wollen,“ dachte ich stirnrunzelnd; denn es wäre mir sehr unangenehm gewesen, bei Lambert noch irgend jemand anzutreffen. Ich bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte die Hand nach der Klingel aus.
„Attendez!“[78] rief mir der eine zu.
„Ach bitte, warten Sie noch etwas mit dem Klingeln,“ sagte mit heller und freundlich bittender Stimme der andere junge Mann – er hatte die in unserer höheren Gesellschaft übliche schleppende Sprechweise. „Wir werden gleich fertig sein, und dann klingeln wir zusammen, ist es Ihnen recht?“
Ich zog meine Hand zurück. Beide waren sie junge Leute von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas sehr Sonderbarem und ich schaute ihnen mit Verwunderung zu. Derjenige, der „attendez“ gerufen hatte, war ein auffallend langer Bursche, mager und offenbar blutarm, aber sehr muskulös, mit einem für seine Größe viel zu kleinen Kopf, dessen leicht pockennarbiges, gar nicht so dummes, ja sogar sympathisches Gesicht einen eigentümlichen, komisch-finsteren Ausdruck hatte. In seinem Blick lag, ich möchte sagen, etwas übertrieben Scharfsinniges und eine unnötige Entschlossenheit. Er war sehr schlecht angezogen: sein alter wattierter Mantel mit dem schäbigen kleinen Waschbärkragen war viel zu kurz für einen so langen Menschen und offenbar nicht für ihn gemacht; dazu hatte er schlechte, fast bäurische Stiefel und auf dem Kopf einen schrecklich struppigen, schon bräunlich gewordenen Zylinder. Man sah ihm sofort den liederlichen Menschen an: seine unbehandschuhten Hände waren unsauber, die langen Nägel hatten Trauerränder. Sein Kamerad dagegen war tadellos gekleidet, soweit man nach seinem leichten Marderpelz, dem eleganten Hut und den neuen hellen Handschuhen urteilen konnte, in denen seine schlanken Hände staken; dem Wuchs nach war er ungefähr von meiner Größe und sein frisches jugendliches Gesicht hatte einen äußerst sympathischen Ausdruck.