„Das sind ja Narren, Pane, das sind ja Narren!“ rief der kleine Pole mit Verachtung, vor Zorn dabei rot wie eine Mohrrübe. „Man kann ja bald nicht mehr herkommen!“ Auch sonst entstand Unruhe im Saal, man hörte murren, hauptsächlich freilich lachen.
„Kommen Sie ... bitte ... gehen wir!“ murmelte Lambert ganz verwirrt, und hatte ersichtlich nur den einen Wunsch, Andrejeff aus dem Lokal zu entfernen. Dieser blickte Lambert prüfend an, und erst als er erriet, daß der ihm nun Geld geben würde, willigte er ein, ihm zu folgen. Wahrscheinlich war es nicht das erstemal, daß er auf diese schamlose Manier von Lambert Geld erpreßte. Trischatoff wollte ihnen eilig folgen, sah dann aber mich an und blieb.
„Ach, wie ekelhaft!“ sagte er und bedeckte die Augen mit seinen feinen Fingerchen.
„Tja, ekelhaft ist schon das Wort dafür,“ brummte diesmal ganz erbost der Pockennarbige.
Lambert kehrte ganz bleich zurück und begann sogleich mit lebhaften Gesten auf den Pockennarbigen flüsternd einzureden. Dieser befahl dem Kellner, schnell den Kaffee zu servieren, und hörte Lambert nur widerwillig zu; er hatte es offenbar eilig, fortzukommen. Und dabei war der ganze Zwischenfall doch nur ein dummer Jungenstreich gewesen. Trischatoff kam mit seiner Tasse Kaffee zu mir herüber und setzte sich neben mich.
„Ich habe ihn sehr gern,“ begann er mit einer solchen Offenherzigkeit, als hätte er mit mir schon oft darüber gesprochen. „Sie glauben nicht, wie unglücklich Andrejeff ist. Er hat die ganze Mitgift seiner Schwester durchgebracht und vertrunken, ja, alles was sie besaßen, hat er in dem einen Jahr, als er diente, durchgebracht, und ich sehe, wie ihn das jetzt quält. Daß er sich nicht wäscht – das geschieht nur aus Verzweiflung. Und wissen Sie, er hat furchtbar sonderbare Gedanken: plötzlich behauptet er, daß zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen gar kein Unterschied sei, das sei alles eins und man solle deshalb nichts tun, überhaupt nichts, weder Gutes noch Böses, oder wenn man wolle, könne man ja auch Gutes oder Böses tun, am besten aber sei doch, gar nichts zu tun und einfach herumzuliegen, ohne auch nur einmal im Monat die Kleider zu wechseln, nur zu essen und zu trinken und hauptsächlich zu schlafen – und sonst nichts. Aber glauben Sie mir, das sagte er doch alles nur so. Und wissen Sie, ich glaube sogar, diesen ganzen Skandal vorhin, den hat er nur gemacht, um mit Lambert endgültig zu brechen. Er hat schon gestern davon gesprochen. Werden Sie’s glauben: manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, da fängt er zu weinen an, und wissen Sie, er weint so sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; er schluchzt, schluchzt so schrecklich, und das, wissen Sie, tut noch weher ... Und dabei ist er doch so groß und so stark, und plötzlich – schluchzt er wie ein Kind. Was für ein armer Kerl, nicht wahr? Ich möchte ihn so gern retten, aber ich bin ja selbst – ein so schlechter, verlorener Bengel, wie Sie’s gar nicht glauben! Würden Sie mich empfangen, Dolgoruki, wenn ich einmal zu Ihnen käme?“
„Oh, kommen Sie nur, ich habe Sie sogar sehr gern.“
„Weshalb denn? Nun, ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein Glas. Übrigens, was fällt mir ein! Nein, trinken Sie lieber nicht. Er hatte ganz recht, als er Ihnen sagte, daß Sie nicht mehr trinken dürfen,“ unterbrach er sich plötzlich und zwinkerte mir bedeutsam zu. „Ich aber werde noch ein Glas trinken. Bei mir kommt’s nicht darauf an, ich kann mich ja doch nicht beherrschen, glauben Sie mir. Sie brauchen mir bloß zu sagen, ich soll nicht mehr in Restaurants dinieren, und ich bin sofort zu allem bereit, nur um wieder dinieren zu können. Oh, ich versichere Sie, es ist unser innigster Wunsch, anständige Menschen zu werden, aber wir schieben’s nur immer auf, und darüber ‚... vergehen die Jahre, die besten Jahre!‘ Er aber, ich fürchte sehr – er erhängt sich noch mal. Er geht und tut’s, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen. So ist er. Heutzutage hängen sich ja alle auf. Wer weiß, vielleicht gibt’s viele solcher, wie wir sind. Ich, zum Beispiel, kann ohne überflüssiges Geld einfach nicht leben. Mir ist das überflüssige Geld viel wichtiger als das notwendige. – Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich liebe sie furchtbar. Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihnen was vorspielen. Ich spiele sehr gut Klavier. Habe sehr lange Musik studiert. Ernsthaft studiert. Wenn ich mal eine Oper komponierte, so, wissen Sie, würde ich den Stoff aus dem ‚Faust‘ nehmen. Dieses Thema liebe ich sehr. Ich komponiere mir immer die Szene im Dom, das heißt, ich komponiere sie nur so im Kopf. Das Innere eines gotischen Domes, Chöre, Hymnen; Gretchen tritt ein, und dazu, wissen Sie, – mittelalterliche Chöre, aus denen man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen in Verzweiflung, zuerst ein Rezitativ, leise, aber qualvoll, die Chöre dröhnen düster, streng, teilnahmlos:
Dies irae, dies illa!
Und auf einmal – die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist unsichtbar, nur eine Stimme klingt nebenher, klingt mit den Hymnen, fällt mit ihnen zusammen, löst sich in ihnen auf, und ist dabei doch etwas ganz anderes – so irgendwie müßte das gemacht werden. Eine lange, unendliche Arie für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie beginnt leise, zärtlich: ‚Wie anders, Gretchen, war dir’s, als du noch voll Unschuld hier zum Altar tratst, ... halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen?‘ Und die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher; die Töne werden immer höher: Tränen sind in ihnen, Schmerz, unaufhörlicher, unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: ‚Keine Vergebung für dich, keine Vergebung!‘ Gretchen will beten, doch ihrer Brust entringen sich nur Schreie – wissen Sie, wenn die Brust sich zusammenkrampft, vom Schluchzen – aber die Stimme des Satans verstummt nicht, immer tiefer bohrt sie sich wie ein Dolch in ihre Seele, immer höher schwingt sich ihr Ton – und plötzlich bricht sie ab mit dem Schrei: ‚Es ist aus, du bist verdammt!‘ Gretchen fällt auf die Knie, ringt die Hände – und dann beginnt ihr Gebet, ein kurzes Halbrezitativ, ganz naiv, ganz ohne Künstelei, etwas im höchsten Grade Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen nur vier Verse – bei Stradella gibt es so ein Motiv – und nach dem letzten Ton fällt sie in Ohnmacht! Allgemeine Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen – und da setzt auf einmal ein gewaltiger Chor ein. Der müßte wie ein Orkan von Stimmen sein, ein begeisterter, rauschender Chor, wie eine gewaltige Hymne von der Art unseres Dorinossima Tschinmi, daß alles bis in die Grundfesten erbebt, bis schließlich alles in den begeisterten, jauchzenden Aufschrei ‚Hosianna!‘ ausklingt. Wie ein Schrei des ganzen Weltalls müßte es sein, sie aber wird weiter und weiter getragen, und dann fällt der Vorhang. Nein, wissen Sie, wenn ich das nur machen könnte! Nur kann ich jetzt schon gar nichts mehr – außer träumen. Ich träume und träume in einem fort; mein ganzes Leben verwandelt sich in einen Traum, auch nachts. Ach, Dolgoruki, haben Sie den ‚Antiquitätenhändler‘ von Dickens gelesen?“