„Ja, ich habe ihn gelesen; was ist denn damit?“
„Erinnern Sie sich ... Warten Sie, ich trinke noch ein Glas – erinnern Sie sich noch der einen Stelle ganz zum Schluß, wie die beiden – der wahnsinnige Greis und dieses reizende dreizehnjährige Mädchen, seine Enkelin – nach ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz hinten in England ein Unterkommen finden, dort bei einer mittelalterlichen gotischen Kirche, wo das Mädchen noch ein Amt erhält: den Besuchern die Kirche zu zeigen ... Und einmal, bei Sonnenuntergang, steht dieses Kind vor dem Kirchenportal, ganz umflutet von den letzten Sonnenstrahlen, steht und sieht in den Sonnenuntergang, mit stiller, nachdenklicher Betrachtung in der erstaunten Kinderseele, als stünde es vor einem Rätsel, denn das eine wie das andere scheint wie ein Rätsel – dort die Sonne als ein Gedanke Gottes, hier der Dom als ein Menschengedanke ... nicht wahr? Oh, ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt die ersten Gedanken solcher Kinder ... Und neben ihr, auf den Stufen des Domes, sitzt der wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie starr an ... Wissen Sie, da ist ja gar nichts Besonderes in diesem Dickensschen Bilde, ja, eigentlich nichts Besonderes, und doch werden Sie es in Ewigkeit nicht vergessen, und so ist es auch in der Erinnerung von ganz Europa geblieben – warum? Weil das Schönheit ist! Das ist Unschuld! Oder ich weiß selbst nicht, was das ist: aber es ist schön! Ich habe die ganze Zeit auf dem Gymnasium nur Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine Schwester auf dem Gut, die ist nur ein Jahr älter als ich ... Oh, jetzt ist dort alles schon verkauft, und auch das Gut haben wir nicht mehr! Ich hab’ mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter unseren alten Linden, und hab’ mit ihr zusammen diesen Roman gelesen, und die Sonne ging da auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf, zu lesen, und gaben uns gegenseitig das Versprechen, von nun an auch so gut zu sein und immer edel zu handeln – ich bereitete mich damals gerade für die Universität vor, und ... Ach, wissen Sie, Dolgoruki, ein jeder hat seine Erinnerungen! ...“
Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und – weinte. Er tat mir sehr, sehr leid. Freilich hatte er viel Wein getrunken, aber er sprach so aufrichtig und brüderlich zu mir und mit so echtem Gefühl ...
In diesem Augenblick hörten wir plötzlich von der Straße her Geschrei, und starke Finger trommelten an unser Fenster (es waren große Glasscheiben zur Straße hin, im Erdgeschoß, so daß man sie vom Fußsteig aus erreichen konnte). Das war der vor die Tür gesetzte Andrejeff.
„Ohé, Lambert! Où est Lambert! As-tu vu Lambert?“[98] scholl seine wilde Stimme von draußen.
„Ah, so ist er noch da! Er ist also noch nicht fortgegangen?“ rief mein Junge und sprang auf.
„Zahlen!“ wandte sich Lambert an den Kellner. Seine Hände zitterten vor Wut, als er das Geld herausholte, doch siehe da, der Pockennarbige ließ es nicht zu, daß er auch für ihn bezahlte.
„Warum denn nicht? Ich habe Sie doch aufgefordert, und Sie haben die Aufforderung angenommen?“
„Nein, Sie müssen schon gestatten ...“ Der Pockennarbige nahm seine Börse, berechnete seinen Anteil und bezahlte für sich.
„Sie beleidigen mich, Ssemjon Ssidorowitsch!“